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Georg Baselitz im Gespräch : Tot war die Malerei nie - sie war nicht erlaubt

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Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz gehört zu den weltweit bekanntesten deutschen Künstlern. Im Interview spricht er über Kino, Krieg, schlechte Farben und unkontrollierten Arbeitsrausch.

          5 Min.

          Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz gehört zu den international bekanntesten deutschen Künstlern und hat nicht nur hierzulande die moderne Malerei seit den sechziger Jahren entscheidend mitgeprägt. In den letzten Jahren hat er einige seiner früheren Werke noch einmal neu gemalt und erklärt nun dieses Verfahren der tätigen Erinnerung.

          Herr Baselitz, mögen Sie Western?

          Ich habe immer das Bedürfnis, einen Film zu sehen, der keinen Inhalt hat, außer der schlichten Regel, daß der Gute am Schluß gewinnt. Bei einem Western gibt es Landschaften, und es gibt schöne Musik. Solche Filme schaue ich mir am liebsten an.

          Hatten Kinohelden Einfluß auf Ihre Malerei?

          Ich gehe nicht gern ins Kino. Der letzte Film, den ich gesehen habe hieß „Apocalypse Now“, nach Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, was ich damals nicht begriffen hatte. Diesen Film fand ich schrecklich. Was da alles benutzt wird, um Spannung zu erzeugen - widerlich! Wie Musik eingesetzt wird - unerträglich!

          Meinen Sie Wagners „Walkürenritt“ beim Hubschrauberangriff in Vietnam?

          Ich fand das so unglaublich, daß ich rausgegangen bin. Danach bin ich nie mehr ins Kino gegangen.

          Geht es Ihnen mit der zeitgenössischen Kunst manchmal genauso?

          Es geht doch in der Kunst darum, wie setzt man sich durch - und womit. Das betrifft die Malerei, das Theater, die Musik, den Film. Ich ärgere mich immer, wenn auf der Titelseite des Feuilletons ein Theaterbild abgebildet ist. Es gibt nichts Langweiligeres als Theaterbilder und Kinobilder. Auf Ihrer Feuilletontitelseite war neulich Paula Modersohn-Beckers Akt abgebildet, ein schönes Bild im Unterschied zu den toten Fotos aus Theater und Film, die sich sonst dort befinden. Viel zu selten sind dort Gemälde zu sehen, obwohl sie das einzig Abbildenswerte wären. Heute sind nur noch Literatur und bildende Kunst wirklich zeitgenössisch. Damit müssen wir leben.

          Hat die Kunst nicht dasselbe Problem?

          Ganz im Gegenteil. Als ich angefangen habe, gab es nur die vage Hoffnung, daß man von seiner Kunst leben könnte. Wenn man vom Elternhaus abhängig war, gab es den Vorwurf: Das ist doch brotlose Kunst. Das hat sich zum Glück ganz anders entwickelt.

          Weshalb ist gerade die Malerei derzeit so erfolgreich?

          Es geht doch darum, daß Bilder gemacht werden, die es bisher nicht gab. Wir nennen das originell. Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten: Gibt es junge deutsche Malerei? Ich hätte nicht gewußt, was kommt.

          Was kam, war unter anderem die „Neue Leipziger Schule“. Was halten Sie davon?

          Mich interessiert das Phänomen. Weil man nicht damit rechnen konnte. Plötzlich sind ganz viele Leute neugierig auf Malerei. Die hören von einer „Leipziger Schule“ und stellen das aus. Das ist großartig. Auch, daß es einen Auktionsmarkt für zeitgenössische Kunst gibt, was ja nun viele sehr negativ betrachten, finde ich phantastisch.

          Haben Sie nicht die Sorge, daß junge Künstler zwar schnell berühmt, aber ebenso schnell verbrannt werden?

          Das Verfeuern ist in Ordnung. Pollock hat sich auch verfeuert, ohne je auf dem Markt aufgetaucht zu sein.

          Trotz aller Abgesänge war die Malerei aber doch nie tot?

          Nein, tot war die Malerei nie. Aber sie war nicht erlaubt. Man kann nur auf etwas aufbauen, das man kennt. Ich wußte, was nicht geht. Aber ich wußte natürlich nicht, was geht. Ich habe nur instinktiv gemerkt, daß ich etwas anderes machen mußte. Ich habe viele Umwege gemacht und bin einen schwierigen Weg gegangen. Und jetzt fühle ich mich sehr bestätigt, geradezu wie ein Groß-Guru in dieser norddeutschen Umgebung. Deshalb male ich meine Bilder auch alle noch einmal, um gegenwärtig zu sein.

          Sie haben immer wieder davon gesprochen, Wiederholung sei ein Zeichen von Trägheit. Und plötzlich fangen Sie an, Ihre Bilder noch einmal zu malen?

          Zunächst einmal muß man akzeptieren, daß ein Maler wie ich nicht planvoll vorgeht. Ich bewege mich in einem Gebiet, in dem ich nur tastend vorwärtskomme. Ich male ein Bild, und dann stelle ich fest: Es hat ganz viele Fehler. Dann male ich es noch einmal. Und es hat dann wieder Fehler - und noch einmal und noch einmal. Irgendwann ist Schluß. Es gelingt dann einfach nicht. Ein wichtiger Teil in meiner Arbeit ist so eine Art unkontrollierter Rauschzustand. Es ist, als sei ich von einer fixen Idee besessen - von einer Stimmung, einem Geruch oder von etwas Sichtbarem. Natürlich habe ich immer schon gesagt: Wiederholen ist Trägheit. Meine eigenen Sachen zu wiederholen schien mir immer fatal. Jetzt aber habe ich ein Konzept und eine Legitimation dafür.

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