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Gemäldegalerie Alte Meister : Notquartier für die Kunst

Berlin brüstet sich und verkündet den Beginn einer neuen Ära für ihre Museen. Da aber Konzept wie Zeitplan fehlen, behandelt man die Alten Meister erst einmal als Verschiebemasse.

          “Teilen Sie unsere Vision. Umso schneller wird sie Realität.“ Mit diesen Sätzen wirbt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in einer gerade erschienenen Hochglanzbroschüre um Sponsoren für ein Projekt, das den „Beginn einer neuen Ära“ für die Museen der Hauptstadt markieren soll. Die „Vision“ besteht in der Vertreibung der Berliner Gemäldegalerie aus ihrem Domizil am Potsdamer Platz, dem Abtransport der Hälfte ihrer derzeit ausgestellten Bestände ins Depot sowie ihrer anschließenden Zerschlagung in „südliche“ und „nördliche“ Malerei im Bodemuseum und einem geplanten Neubau auf dem früheren Kasernengelände gegenüber der Nordecke der Museumsinsel. Eine neue Ära der Kunstbehandlung fürwahr, wenn auch keine, bei deren Verwirklichung man mit Hand anlegen möchte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Unterdessen bemühen sich die Kulturpolitiker, die öffentliche Empörung, welche das Vorhaben ausgelöst hat, durch die Suche nach Ausweichquartieren für die Alten Meister einzudämmen. Bernd Neumann, aus dessen Kulturstaatsminister-Etat jene zehn Millionen Euro zur Umzugsvorbereitung fließen, deren Zusage den Streit um die Gemäldegalerie entfesselt hat, bringt in einer Presseerklärung das Kronprinzenpalais und das angrenzende Prinzessinnenpalais Unter den Linden als Zwischenlösung ins Spiel. Ins gleiche Horn stößt Neumanns CDU-Parteifreundin Monika Grütters, die Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestags, mit ihrer Aufforderung an die Berliner Museumsplaner, „noch lauter über temporäre Präsentationen der Alten Meister, zum Beispiel im Kronprinzenpalais“, nachzudenken.

          Hitzeempfindliche Gemälde dürften hier nicht ausgepackt werden

          Die Direktoren der Preußenstiftung schweigen zu diesen Vorschlägen. Sie haben guten Grund dazu. Wer einmal im Kronprinzenpalais war - etwa bei den Themenausstellungen des Deutschen Historischen Museums, die vor der Fertigstellung des Pei-Baus im Jahr 2003 dort gezeigt wurden, oder den Geschichtsschauen des Bundes der Vertriebenen - weiß aus eigener Anschauung, dass dieses Gebäude für die Präsentation klassischer Kunst denkbar ungeeignet ist. Das alte, mehrfach umgebaute Barockpalais, das Friedrich dem Großen und zweien seiner Erben als Kronprinzensitz gedient hatte, wurde im März 1945 bis auf die Außenmauern zerbombt.

          Die DDR ließ die Ruine 1961 abtragen. Sieben Jahre später wurde das Palais unter Leitung Richard Paulicks, von dem auch die rekonstruierte Lindenoper stammt, neu errichtet. Fortan diente es als Gästehaus des Ost-Berliner Magistrats. Die Wohn- und Banketträume in den Obergeschossen wurden über die Klimaanlage des benachbarten DDR-Außenministeriums gekühlt. Seit dessen Abriss 1996 hat der Bau keine Klimatisierung. Fensterläden sind aus Denkmalschutzgründen tabu. Hitzeempfindliche Gemälde aus Renaissance, Barock und Rokoko dürften hier nicht einmal ausgepackt werden. Als Provisorium für Alte Meister ist das Kronprinzenpalais so tauglich wie ein Elefantenhaus für eine Porzellansammlung.

          Taub für ihre eigenen Argumente?

          Statt dessen böte es, entsprechend umgerüstet, einen historisch passenden Rahmen für die klassische Moderne. Seit 1919 war im Kronprinzenpalais Ludwig Justis „Galerie der Lebenden“ ausgestellt, die erste große Museumssammlung moderner Kunst. Die karge, sachliche Präsentation deutscher und französischer Impressionisten, Kubisten und Expressionisten wurde zum Vorbild für das New Yorker MoMA und damit für den heutigen Museumsbetrieb überhaupt. Bis 1937 gelang es Justis Nachfolgern, die Sammlung zu schützen, dann wurde sie von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, verkauft und zu großen Teilen verbrannt. Aus ihren Resten erwuchsen nach dem Krieg die Bestände der Neuen Nationalgalerie, deren Lücken jetzt durch die Sammlung Pietzsch geschlossen werden sollen.

          Für die klassische Moderne wäre der Einzug ins Kronprinzenpalais die Rückkehr an ihren angestammten Ort. Mit demselben Rückführungskonzept wirbt die Preußenstiftung seit Jahren für die Einquartierung ihrer ethnologischen Sammlungen ins Berliner Schloss, in dem sich einst die Wunderkammern der brandenburgischen Kurfürsten befanden. Werden die Hüter des Humboldt-Forums taub für ihre eigenen Argumente, sobald der politische Wind sich dreht?

          Wenn man die Diskussion der vergangenen acht Wochen seit der Verkündung der Umzugspläne für die Gemäldegalerie bilanziert, kommt man zu einem bestürzenden Ergebnis. Nicht nur hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz für ihre Museumsrochade, an der sie seit langem zu arbeiten vorgibt, kein schlüssiges Konzept. Sie hat noch nicht einmal einen Zeitplan. Offensichtlich wurde sie von dem Zehn-Millionen-Geschenk ebenso überrascht wie die interessierte Öffentlichkeit. Seitdem ist alles, was man von den Hierarchen der Stiftung hört, auf den gleichen Ton patziger Abwehr gestimmt. Die große „Vision“ ihrer Sponsorenbroschüre erscheint immer mehr als fixe Idee, die von einem Häuflein museumspolitischer Nibelungen mit letzter Kraft verteidigt wird. Aber jeder Endkampf hat irgendwann ein Ende. Dann, vielleicht, beginnt die neue Ära, von der die Berliner Kunstfreunde träumen.

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