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Stuttgarts neues Museum : Geist und Gestalt

Entschlossen multimedial: Stuttgarts Geschichte wird im Stadtpalais gezeigt. Bild: Stadtpalais

Von der HJ-Granate zum Kartoffelstampfer: Stuttgarts Museum im neuen Stadtpalais schärft den Blick auf die schwäbische Metropole.

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          Die Furcht vor dem klassischen Museum ist groß in Stuttgart. Das seit bald zwanzig Jahren geplante Stadtmuseum darf so nicht heißen, sondern hat den Namen „Stadtpalais – Museum für Stuttgart“. Und die Kuratoren tilgten auch den ursprünglichen Namen des Gebäudes, in dem sie Unterschlupf gefunden haben: Giovanni Saluccis klassizistisches Gebäude, in dem bis 2011 die Stadtbücherei untergebracht war, heißt jetzt Stadtpalais und nicht mehr Wilhelmspalais. Dabei hätte sich anhand dieses Namens auch Geschichte erzählen lassen. Am 9. November 1918 zogen einige sozialistische Revolutionäre vor das Palais des württembergischen Königs Wilhelm II. Sie halfen, die Monarchie zu beenden. Solche Exkursionen glauben sich heutige Museumsmacher nicht mehr erlauben zu können. Ihnen war es wichtiger, aus dem „Haus des Königs“ ein „Haus der Bürger“ zu machen. Man geht maximal multimedial vor, um das Interesse an Geschichte zu wecken. Gründungsdirektor Torben Giese und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) betonen, das neue Museum lege den Fokus auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft und sei ein Ort der Begegnung.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Stuttgart war bis zum Samstag merkwürdigerweise die einzige Großstadt Deutschlands, die ihre Geschichte noch nicht museal aufgearbeitet hatte, obwohl es an Geld und an (etwas verklemmtem) Bürgerstolz nicht mangelt. Der frühere Oberbürgermeister Manfred Rommel wollte kein klassisches Stadtmuseum, erst sein Nachfolger Wolfgang Schuster (ebenfalls CDU) setzte es durch. Von Schusters Vorstellung, die Geschichte der württembergischen Stadt als Auswanderer- und Einwanderer-Metropole zu erzählen, ist allerdings wenig geblieben. „Wir sind kein Haus mit einer überragenden Sammlung wie die Stadtmuseen in München oder Frankfurt. Ehemalige freie Reichsstädte haben mehr gesammelt als Residenzstädte wie Stuttgart“, sagt Direktor Giese. In unmittelbarer Nähe des Palais hat man mit dem württembergischen Landesmuseum und dem „Haus der Geschichte“ starke Konkurrenten. Im Herbst kommt noch das Dokumentationszentrum im ehemaligen Hotel Silber hinzu, wo einst die Gestapo-Zentrale untergebracht war. Was lässt sich also aus dieser nicht ganz einfachen Ausgangssituation machen? „Wir verfolgen kein inhaltliches Ziel. Die Stuttgarter sollen sich authentisch mit ihrer Stadt beschäftigen.“ Das soll mit einer Dauerausstellung zur Stadtgeschichte und einem Gesamtkonzept erreicht werden, das mit einem Schaukastenmuseum klassischer Machart nichts zu tun hat. Direktor Giese spricht bewusst von „Edutainment“.

          Die Dauerausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichten“ teilt sich in zwei Räume für zwei Jahrhunderte: Ein Raum zeigt die Entwicklung von der Residenzstadt zur Großstadt, der zweite widmet sich der modernen Stadt von ihrem Entstehen bis zur Gegenwart. Die Objekte sind „chronothematisch“ geordnet. Im ersten Raum finden sich selbstverständlich ein Nachbau von Daimlers Verbrennungsmotor sowie Exponate zum Schiller-Kult, zur Formation des Bürgertums in Salons und Vereinen, die Verbindungen der Cottas, der Rapps und der Murschels. Im Raum des zwanzigsten Jahrhunderts steht die Entwicklung Stuttgarts zur liberalen, auch sehr avantgardistischen Großstadt im Vordergrund, symbolisiert durch zwei Bauhaus-Relikte, den Tagblatt-Turm und das Kaufhaus Schocken. Es folgen die Themen Nationalsozialismus, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau.

          Die Ausstellung besticht durch eine ausgezeichnete Auswahl der Einzelobjekte: des prunkvollen Tafelaufsatzes aus versilbertem Gold aus dem Rathaus, des Bleyle-Männchens, der von den Nationalsozialisten auf dem Killesberg gebauten „Ehrenhalle des Reichsnährstandes“. Und für die Zeit des Wiederaufbaus stehen die umlackierte Sammelbüchse des Winterhilfswerks und die Übungshandgranate der Hitler-Jugend, die schwäbische Tüftler zum Kartoffelstampfer umfunktionierten. Stuttgarts Migrationsgeschichte wird aufbereitet, indem Biographien einzelner Einwanderer erzählt werden.

          Gängige Schwabenklischees umschifft die Sammlungsleiterin Edith Neumann geschickt. Es gibt Themeninseln zur RAF, zum schwäbischen Widerstandsgeist, zur Pressefreiheit und zur Bedeutung Stuttgarts als Metropole des Deutsch-Rap, dokumentiert mit einer goldenen CD der Fantastischen Vier und dem Mischpult der Massiven Töne – der Museumsdirektor ist Techno-Fan. In der Gegenwart angekommen ist der Besucher, wenn er den im Einweckglas konservierten Feinstaub entdeckt. An interaktiven Stationen mit den Titeln „Geist“ und „Gestalt“ können Besucher ein Röhrenradio oder einen großen Buchstaben aus einem Regal nehmen. Wer diese Symbole auf eine Kontaktfläche stellt, wird multimedial informiert, zum Beispiel über Arno Schmidts Radio-Essays, aufgenommen in Stuttgart, oder die Schriftarten des Grafikers Kurt Weidemann.

          Eine Wechselausstellung zur Zukunft Stuttgarts im Jahr 2038 und eine Erlebnisausstellung mit der Möglichkeit, den „Sound of Stuttgart“ selbst zu erzeugen, bieten selbst denjenigen etwas, die für Stadtgeschichte kein Interesse aufbringen. Wer sich aber auf die Dauerausstellung im Stadtpalais einlässt, dürfte die Stadt mit anderen Augen sehen. Statt der geplanten 31 Millionen Euro kosteten Umbau und Ausstellung am Ende 41 Millionen. Das sollte den Stuttgartern ihre Stadt wert sein. Und wenn sich die Kommunalpolitiker doch noch dazu durchringen, den Autoverkehr durch die Kulturmeile in einen Tunnel zu verbannen, endlich ein Konzerthaus und ein neues ethnologisches Museum bauen, dann könnte im Stadtpalais eine weitere Themeninsel aufgebaut werden. Titel: Neuentdeckung der schwäbischen Urbanität im 21. Jahrhundert.

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