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Gehry-Bau in Paris : Die Gewalt des Auftritts

Eine Kulturwolke am Pariser Himmel

Die Fondation Vuitton, deren Baukosten bei geschätzten hundert Millionen Euro liegen, gehört allerdings eher zu den problematischeren Bauten des Architekten. Im Computer mögen die Hüllen leicht und elegant wie Segel oder wehendes Papier ausgesehen haben – aber wenn man das Leichte und Wehende nicht in der Größe eines bescheidenen Pavillons, sondern in der eines repräsentativen Museums haben möchte, wird der Übergang des leichten Entwurfs in die Realität schwierig: Man braucht riesige, nicht sonderlich leicht, sondern erstaunlich plump aussehende Stahlkonstruktionen, man muss Holz in Kurven biegen und Glas wellig aussehen lassen, und am Ende verliert die so mit enormem technischen und finanziellen Aufwand erzwungene Form die Lässigkeit, die Gehrys frühe, wie nebenbei aus Treibgut zusammengesetzte Bauten ausmachte.

An etlichen Stellen wirkt das Pariser Privatmuseum, als habe man sein Modell mit Klarsichtfolien und verbogenen Kleiderbügeln errichtet. Es scheint unter enormen Kräften zu ächzen und mit unendlicher Anstrengung auf einer prekären Form zu beharren. An der Fondation, heißt es in Berichten, hätten bis zu zweihundert Ingenieure gearbeitet, die rund dreißig technische Innovationen patentieren ließen. Das Ergebnis hat auch etwas von einer verbissenen Machtgeste, einer Geld- und Materialschlacht, mit der Türme zum tanzen und tonnenschwerer Stahl zum Segeln gezwungen wurden, etwas Gewalttätiges und Ruinöses, wie ein Geschenk aus Glas, dass aus großer Höhe hinuntergeworfen wurde und am Boden zersplitterte.

Und wenn François Hollande den Bau eine „Kulturwolke“ nennt, „die am Himmel von Paris aufgezogen“ sei, dann spricht er damit auch unfreiwillig eine bedecktere Wahrheit aus. Denn gerade in Paris wird deutlich, dass private Sammler und Galeristen längst nicht mehr ihre Schätze den öffentlichen Museen überlassen, sondern ihre eigenen Kunstwelten eröffnen, in denen Ausstellen, Verkaufen und Spekulieren wild durcheinander wachsen.

Schmeichelhafte Selbstporträts

Diese Häuser – in Paris neben der Fondation Vuitton das bald eröffnende Kulturzentrum R4 auf dem Gelände einer ehemaligen Renault-Fabrik, wo auf 30000 Quadratmetern eine privat finanzierte Kunstwelt mit kommerziellen Galerien und Ausstellungsräumen entsteht, eine Art Anti-Pompidou – ergänzen und bereichern das Angebot der öffentlichen Museen nicht nur, sie konkurrieren mit ihnen, und das mit konkurrenzlos höheren Budgets.

Ein Galerist, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, beklagt, dass die Fondation Vuitton Künstlern opulente Ausstellungen und sogar Ankäufe anbiete – „allerdings wollen die auch, dass diese Künstler dann erst mal nicht – oder höchstens in Kooperation und nach Absprache mit ihnen – in öffentlichen Museen wie dem Pompidou oder dem Palais de Tokyo gezeigt werden.“ Das wäre eine folgenreiche Schubumkehr der Hierarchien: Die öffentlichen Museen, in denen einst die Gesellschaft verhandelte, welche Kunst sie wichtig findet, müssen sich jetzt nach der Agenda von Privatinstitutionen richten.

Unsere Epoche wird kaum neue öffentliche Häuser, aber viele große Privatmuseen hinterlassen, deren Sammlungen letztendlich aus Kunstwerken zusammengesetzte, schmeichelhafte Selbstporträts einiger sehr erfolgreicher Unternehmer sind. Eines davon ist die Fondation Vuitton. Sie prangt im Bois de Boulogne wie das Krokodil auf dem Lacoste-Hemd, als leuchtendes Signet der neuen Privatsammlerwelt im öffentlichen Raum. Was Architektur stattdessen auch noch alles könnte, zeigt Gehrys Frühwerk im Centre Pompidou.

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