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Gehry-Bau in Paris : Die Gewalt des Auftritts

Hinter dem heiteren Chaos stand eine theoretische Überlegung: Ob es ein Bauen gäbe, das nicht bloß vorher fest gefasste Pläne für eine genau definierte architektonische Form ausführt, sondern dass wie die Dinge des Lebens vor sich hin wächst, mutiert, verändert wird, überwuchert und vor allem nie endet – ein endloses, spielerisches Basteln und eine Architektur, die weniger „archós“ und „arché“, also weniger Herrschaft, Anfang, Befehl wäre. Die Materialien, die Gehry in seinen frühen Häusern benutzte, sahen aus, als habe der Pazifik sie angespült, das Norton House mit seinem kleinen Schreib-Kubus am Meer erinnerte an die improvisierten Hütten, die man am Meer baut: Bricolage aus einfachen Mitteln.

Pyramidenhaft-würdevolle Steine

Gehry wurde als Dekonstruktivist gefeiert, als jemand, der die Formen des Bauens grundlegend auseinandernahm, ganz wörtlich etwa, als er Anfang der achtziger Jahre für das „Tract House“ plante, das Haus in ein kleines Dorf aus freistehenden Zimmern umzuwandeln, zwischen denen interessante halböffentliche Räume entstehen (eine Idee, die heute in der japanischen Architektur weitergespielt wird). Aber die Idee der Dekonstruktion betraf bei Gehry vor allem auch den Prozess der Formfindung: Die computerbasierte Entwurfstechnologie veränderte die Art, wie man Architektur entwirft, wie man Entwurf und Bauprozesse steuert, grundlegend; undenkbare Formen wurden berechenbar, die Potenz der neuen Maschinen wurde am eindrücklichsten mit der Guggenheim-Filiale von Bilbao demonstriert, deren Form einen neuen Technobarock und den sprichwörtlichen „Bilbao-Effekt“ einleitete, in dessen Folge Gehry und viele andere Architekten immer spektakulärere Signets zu schaffen hatten mit denen Staaten und internationale Konzerne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchen; eines der aufwendigsten Projekte, die in der Ausstellung zu sehen sind, ist Gehrys Entwurf für das 30.000 Quadratmeter große Guggenheim-Museum in Abu Dhabi.

Dieser neue Techno-Monumentalismus war aber nicht nur, wie es seine Verteidiger immer behaupten, eine Befreiung der Form aus dem Korsett von Entwurfsprozess und Statik, er brachte auch einige Probleme mit sich: Die Dekonstruktion wurde von einer Methode zu einem Stil, der von Dekonstruktion oft nur die ersten vier Buchstaben übrig ließ. Die Formen von torkelnden Hochhäusern in Prag und Düsseldorf wurden nach Belieben von hyperkomplexen Rechnern ausgespuckt, heute stehen diese Gebäude ein wenig wie Gestalten in der Stadt, die jeden Tag den gleichen Witz reißen.

Interessant ist Gehry immer dort, wo er Formen neu denkt: In Berlin, wo er den Zwang zur Steinfassade nicht umging, sondern seine DG-Bank mit so tonnenschwer-massiven, pyramidenhaft-würdevollen Steinen baute, dass alle mit nostalgischen Sandsteinplättchen behängten Bauten nebenan aussahen wie Plastikdosen neben einem Marmorblock. Oder in Andorra, wo er für das lokale Kunstmuseum einen schwarzen Riesenfelsen in die Stadt bauen wollte.

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