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Gegenwartskunst : Denn sie wissen, wie sie wirken

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Rineke Dijkstra verwandelt das Frankfurter Museum für Moderne Kunst in eine Tanzfläche: Sie zeigt dort ihr Werk gemeinsam mit einer Auswahl der Sammlung des Hauses. Ein Glücksfall.

          6 Min.

          Ein dunkelhäutiges Mädchen, fast schon eine junge Frau, in T-Shirt und enger Hose, einem riesengroßen Ledergürtel, der schräg an ihrer Wespentaille hängt. Sie erscheint auf der Leinwand vor weißem reinem, unschuldigem Hintergrund. Musik ist zu hören. Pop. Sie weiß, was jetzt kommt. Sie hat diesen Song schon oft gehört. Es ist ihr Lieblingslied. Sie schaut in Richtung Kamera und wartet ab, sucht den Moment für die erste Bewegung. Beginnt mit kleinen Zuckungen. Sie weiß, dass sie gefilmt wird. Es ist das Jahr 2009.

          Das Anti-Casting der Rineke Dijkstra

          Die Fotografin und Videokünstlerin Rineke Dijkstra ist in den Liverpooler Nachtclub „The Krazyhouse“ gekommen, hat dort eine Studio-Box auf der Tanzfläche aufgebaut, um ausgewählte Jugendliche zu filmen - mitten am Tag. Rineke Dijkstra hat von 1997 bis 2007 viel fotografiert, sie wurde bekannt mit Porträts von jungen Menschen an der Schwelle zum Erwachsensein. Gezeigt wurden aber auch ihre Videos aus den neunziger Jahren; auch damals entstanden sie in Nachtclubs. Doch sie sind rauher, ungestümer als „The Krazyhouse“. Denn 2009 bedeutet es etwas ganz anderes, gefilmt zu werden. In der Smartphone-Welt ist die Videokamera bei Jugendlichen zum Alltagsspielzeug geworden. Sie wissen, wie sie wirken. Doch Rineke Dijkstra schafft eine ihnen unbekannte Atmosphäre. Die äußere Situation erinnert zwar an ein Casting, aber die Künstlerin kehr es ins Gegenteil: Sie schafft ein Anticasting. Sie prüft nicht. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch. Hier zählt das Individuum.

          Die Isolierung der Tänzer in einem weißen Raum hat ein Ziel: die Lockung ihres Selbstbewusstseins. Das ist antikokett. Rineke Dijkstras Perspektive ist nicht überheblich, demütigend. Sie bietet einen Schutzraum. Sie geht zwar in die Clubszene, verhält sich aber nicht anschmeichelnd oder voyeuristisch. Sie versucht gar nicht erst dazuzugehören. Sie arbeitet wie eine traditionelle Künstlerin, der die Jugendlichen in ihr Atelier folgen.

          Megan, Simon, Nicky, Philip und Dee

          Das Mädchen genießt diesen Augenblick vor der Kamera. Takt für Takt verstreicht, langsam findet sie sich, beginnt mit ihrer Choreographie. Ein aufgesetztes Lächeln erscheint wie die Wiedergabe eines Geheimcodes. Sie findet in den Rhythmus. Das Gefühl ist gut. Ihr großer brauner Ledergürtel, der vom Stil irgendwie herausfällt im Vergleich zu T-Shirt und Hose, schmückt sie wie die Gewinnerin eines Schönheitswettbewerbs. Er ist ihre Schärpe, ihre Markierung: Ich bin jemand! Und das beweist sie: Ihre Glieder bewegen sich fast unabhängig voneinander. Ein Rhythmus wie in den Köper gehext. So gefällt sie sich. Sie wird mutiger, beginnt scheinbar die Musik zu steuern und nicht die Musik sie. Selbstbestimmung. Doch ganz von den Codes löst sie sich nicht. Bleibt innerhalb der bekannten Bahnen.

          Diese Videoinstallation von Rineke Dijkstra ist benannt nach den Namen der Tänzer, „Megan, Simon, Nicky, Philip und Dee“. Alle fünf Jugendliche unterscheiden sich in Stil erheblich voneinander. Doch sie alle gehen in dieselbe Disco, ins „Krazyhouse“, das auf drei Ebenen jeweils verschiedene Musikstile anbietet. Rineke Dijkstra zeigt uns die Hintergründe des Ausdrucks von Unsicherheit. Er erwächst aus seinem Gegenteil: Mut. Jemand, der keinen Mut hat, verbringt nicht seine Nächte im „Krazyhouse“ in Liverpool. Sie sind hier, weil sie sich austesten wollen, weil sie gesehen werden wollen. Simon zeigt sein Head banging mit fettigen langen Haaren - aber stolz wie Bolle reißt er seinen Kopf hin und her. Sein Lächeln am Schluss reißt das Herz auf. Das bin ich, scheint er sagen zu wollen. So bin ich.

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