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Gebrauchsskulpturen : Kunst, bitte benutzen

Tobias Rehberger lässt in Münster aus grauen Schaltkästen bizarre Leuchtobjekte wachsen, auf denen man sitzen kann. Auch andere Künstler bauen Skulpturen, die als Stühle oder Bars dienen. Was verrät das über unsere Idee von Ästhetik?

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          Wer den Bahnhof der Stadt Münster verlässt, stolpert in eine schrille Tristesse hinein: bauchige Spielhallen-Werbeschilder in Neonfarben, Fastfoodbuden, klebrige Stahlgeländer, das wirklich schauderhafte rotgraue Pflaster der Gehwege, das seit den achtziger Jahren die ehrlich graue Gehwegplatte abgelöst hat, am Bordstein Fahrradständer und beschmierte, reichlich mit Bier übergossene Schaltkästen, an denen Werbeplakate für Singlepartys kleben. So war es jedenfalls bisher – denn mit diesen Schaltkästen, in denen der Zugang zum unterirdischen Stromnetzwerk der Stadt liegt, ist etwas Erstaunliches passiert. Es ist, als hätten sich Rohrbögen, Stahlbauteile und technoide Phantasiepflanzen aus dem Untergrund ans Tageslicht gebohrt, um ein surreales Pop-Art-Ballett aufzuführen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          An einer Ecke macht ein grellorangefarbenes Rohr eine elegante Kurve um den grauen Kasten, um eine Leuchtkugel in den westfälischen Himmel zu wirbeln. Einmal balanciert ein schmaler, geringelter Metallwurm vorsichtig eine Lampe zwischen dem Kasten und einem Fenster hindurch und dann an der Fassade eines Backsteinbaus entlang. Dort lugen zwei stuhlbreite Rohre im Stars-and-Stripes-Dekor wie unentschlossene Spione aus dem Boden; eine Ecke weiter, am nächsten Kasten, sieht es aus, als hätten sich selbstdenkende Bauteile des Centre Pompidou mit bunt geringelten Teilen des Yellow Submarine zusammengetan.

          Dinge, die ihre Umgebung aufgreifen

          Ein Mann tritt heran, schaut misstrauisch nach links und rechts, als wolle er sichergehen, bei einer illegalen Handlung nicht beobachtet zu werden, und setzt sich, vorsichtig tastend, auf den Rand des Objekt. Auf einer anderen Röhre rutscht ein Kind herum, dessen Mutter, mit den Fingernägeln am geringelten Rohr herumtrommelnd, etwas Energisches in ihr Mobiltelefon ruft. Ein älteres Ehepaar steht schweigend vor einem orangefarbenen Ding wie zwei überforderte Gärtner vor einem ihnen unbekannten psychedelischen Riesenunkraut.

          All diese seltsamen Dinge, deren saubere, klar leuchtende Farben an die Pop-Art der sechziger und siebziger Jahre erinnern, sind Teil des Kunstprojektes „The Moon in Alabama“. Initiiert wurde es von einem Bündnis aus Hauseigentümern und Geschäftsleuten, die sich um eine Verschönerung des Bahnhofsviertels bemühen, kuratiert von Gail Kirkpatrick, der Leiterin der Kunsthalle Münster. Alle elf Objekte sind das, was man, je nach Standort, „Kunst im öffentlichen Raum“ oder „Kunst am Bau“ nennt, also das, was meistens dann nachbestellt wird, wenn der Bau selbst keine Kunst ist.

          Alle elf Objekte sind Skulpturen des Frankfurter Künstlers Tobias Rehberger, Skulpturen allerdings, die, anders als diejenigen im Museum, gleichzeitig auch als Sitzgelegenheiten und Laternen dienen. Jedes Werk ist nach einem Ort der Welt benannt, Goa etwa oder Baku, und wenn dort der Mond aufgeht, geht in Münster der entsprechende Polyethylen-Mond an. Formal kann man die Objekte als eine Art Echoverstärker der Umgebung lesen: Sie greifen Farben und Formen der umliegenden Dinge, Bäume und Bewegungen auf, tanzen zwischen Hindernissen hindurch, tasten sich an Wänden entlang, schreiben sich in die Stadt ein.

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