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Debatte um Raubkunst : So schnell restituieren die Preußen nicht

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Die sehr viel kleinere Zahl von restituierten Kulturgütern ergibt sich dagegen schlicht aus der mangelnden Nachfrage. Zum Zeitpunkt der Untersuchung lag dem Auswärtigen Amt in Berlin nur eine einzige offizielle Anfrage vor. Sie stammte von der namibischen Regierung und bezog sich auf die im Stuttgarter Lindenmuseum aufbewahrte Familienbibel Hendrik Witboois, der den Aufstand der Nama gegen die deutsche Kolonialmacht angeführt hatte. Die grundsätzliche Bereitschaft des Museums zur Rückgabe scheiterte bislang jedoch an den Besitzansprüchen, die neben der Regierung Namibias auch die Nama und Witboois Nachfahren vorbringen.

Die eigentlichen Urheber der gegenwärtigen Raubkunstdebatte sind die Mitglieder des Aktionsbündnisses „No Humboldt 21“, zu dem sich Migrantenvereine und antirassistische Gruppierungen 2014 zusammengeschlossen haben. Ihre Forderungen waren radikal: Das ganze Humboldt-Projekt sollte eingestellt und die aus kolonialen Zusammenhängen ins Berliner Ethnologische Museum gelangten Kulturgüter restituiert werden. Es ist nicht anzunehmen, dass die Initiatoren der Kampagne tatsächlich mit einem Erfolg gerechnet haben. Doch bot schon die museale Hortung des zum „Preußischen Kulturbesitz“ deklarierten kulturellen Erbes Afrikas Anlass, auf die gewalttätigen Unterdrückungsmaßnahmen der deutschen Kolonialherrschaft hinzuweisen. Ernst genommen wurden diese Einwände erst, als sich im letzten Sommer mit Bénédicte Savoy auch eine renommierte Wissenschaftlerin einige von ihnen zu eigen machte.

Den Schaden hat die Forschung

Die Verantwortlichen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Politiker zogen aus der Kritik schnell Konsequenzen. Bereits eingeleitete Kooperationsvorhaben mit dem tansanischen Nationalmuseum wurden vorangetrieben und Provenienzforschung zu einem der wichtigsten Anliegen des Humboldt-Forums erklärt. Wahrscheinlich hat erst die Kritik die Aufmerksamkeit auf das politische Kapital gelenkt, das in den Dahlemer Sammlungsbeständen steckt. Selbst in den weitläufigen Räumen des Berliner Stadtschlosses wird man nur einen kleinen Bruchteil der mehr als eine halbe Million Objekte zeigen können, die in den Depots lagern. Auch wenn es sich größtenteils um Waffen, Werkzeuge und andere Gebrauchsgegenstände von geringem Schauwert handelt, gibt es unter ihnen einige hervorragende Stücke. Bei ihrer Rückgabe hätte den Schaden höchstens die Forschung, der man damit das Vergleichsmaterial nehmen würde.

Die Diskussion um das Humboldt-Forum hat durch die Raubkunstdebatte eine überraschende Wende genommen. Die aus alten deutschen Kolonialgebieten stammenden Museumsobjekte werden zu Zeugen einer historischen Bringschuld. Sie appellieren an unseren „protestantischen Sündenstolz“, von dem die Mainzer Ethnologin Carola Lentz in diesem Zusammenhang spricht. Auf die Worte wird man daher bald Taten folgen lassen müssen. Dass auch die „Nehmerländer“ sie als Zeichen guten Willens ansehen werden, nimmt man dabei als selbstverständlich an.

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