https://www.faz.net/-gqz-15bvz

Galileo Galilei : Neun Jahre unter Hausarrest

  • -Aktualisiert am

Vor vierhundert Jahren entdeckte Galileo Galilei die Jupiter-Monde und wurde zum Symbol des Fortschritts der messbaren Wahrheit gegenüber religiösen Dunkelmännern. Florenz feiert ihn mit einer großen Ausstellung, zeigt herrliche Exponate und seinen verdorrten Mittelfinger.

          3 Min.

          Vor vierhundert Jahren richtete ein Mann in Italien das soeben erfundene Fernrohr auf den Mond und diverse Planeten am Himmelszelt der gewöhnlich vom Dunst vernebelten Po-Ebene. In Padua hatte der handwerklich - als Linsenschleifer - begabte Universitätsprofessor Galileo Galilei trotz unzureichenden Geräts offenbar eine klare Nacht erwischt. Er entdeckte kleine, für das bloße Auge unsichtbare Monde am Planeten Jupiter und benannte sie spornstreichs nach den Herrschern seines Heimatlandes. Die Taufe der „medicäischen Gestirne“, die sich ikonographisch schnell mit den runden Pillen auf dem Familienwappen verquickten, brachten dem Wissenschaftler den ersehnten und anständig bezahlten Lehrstuhl in Pisa, wo man ihm achtzehn Jahre vorher gekündigt hatte. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für Galileo, denn das Hungerleben des ausgebildeten Mediziners und Mathematikers, der seine Haushälterin viermal schwängerte, war damit zu Ende.

          Eine große Wissenschaftsschau im Palazzo Strozzi zu Florenz widmet sich nun zum runden Jubiläum seiner Sternenguckerei dem geradezu milchstraßenweiten Umfeld, in dem Galilei seine Entdeckungen machte. Herrliche Exponate hat man zusammengetragen: Keilschrifttafeln mit den frühesten Himmelstraktaten (wobei jeder Nicht-Assyrologe rätseln darf, ob es sich vielleicht um Mietverträge oder Restaurantquittungen aus Babylon handelt). Umso staunender bewundern wir antike Himmelsgloben mit Personifikationen der Planeten; Astrolabien aus der außergewöhnlich gut informierten, weil bei den Griechen anknüpfenden Wissenschaft der islamischen Araber; mittelalterliche Pergamente mit putzigen Himmelssphären und den dazugehörigen Engelchen; Gobelins, aus denen einem die Planeten in persona entgegentreten; detaillierte Kupferstiche jedes einzelnen Mondkraters. Unangefochtene Prunkstücke sind die vom innigen Gebrauch verbeulten Originalfernrohre Galileis, bei deren schwammigen Linsen man sich nicht mehr wundert, dass der Meister am Lebensende erblindete.

          Die Erde eine Scheibe, die Jupitermonde ein Gerücht?

          Vor allem aber konzentriert sich die Schau, nachdem die jahrtausendelange Vorgeschichte einmal abgehandelt ist, auf Druckwerke, Professorenporträts und Planetenmodelle derjenigen Weltanschauung, die zu Recht nicht die galileische, sondern die kopernikanische heißt. Denn für die Astronomiegeschichte gilt der Florentiner Forscher nur als ein eifriger, wenn auch nicht sonderlich glücklicher Empiriker des Kopernikanismus unter vielen. Seine Argumente für ein heliozentrisches System im Weltraum - die Gezeitentheorie oder die Kreisbewegung der Umlaufbahnen - waren leider verkehrt. Zudem ließen sich seine übrigen Entdeckungen - die Jupiterphase, das Erdlicht auf dem Mond, die Planetenmonde - auch mit dem System Tycho Brahes in Einklang bringen, nach dem sich alles um den Blauen Planeten dreht. Schon Paul Feyerabend hat darum erläutert, dass die katholischen Inquisitoren durchaus Argumente hatten, Galilei den Heliozentrismus abzusprechen. Der Papst hätte ihm nichts angetan, hätte er den erst 1729 von Bradley stichhaltig bewiesenen Sonnenkult der Astronomen als bloße Hypothese und nicht starrköpfig als Wahrheit behandelt.

          Jedoch die Idee rundweg zu verbieten, so finden wir heute, und den armen Mann neun Jahre bis zu seinem Tode in Hausarrest zu stecken - das hätten die fundamentalistischen Richter nun wirklich nicht gemusst. Leider geht die Ausstellung nicht auf die rührenden Bemühungen des Papismus ein, die Scharte mit dem Kopernikanismus irgendwie wieder auszuwetzen: 1822 wurde von Seiten der katholischen Zensur der erste heliozentristische Traktat genehmigt, und bereits 1992 und 2008 kam es unter Woityla und Ratzinger zur formellen Rehabilitierung Galileis. Doch wer weiß schon sicher, ob im intelligenten Design der Kirche nicht noch irgendwelche Pius-Brüder die Erde für eine Scheibe und die Jupitermonde für ein Gerücht halten?

          Ein verdorrter Stinkefinger

          Galilei jedoch ist bei alldem mit der Geschichte seiner Unterdrückung identisch geworden. Paradoxerweise beruht der ungeheure Nachruhm dieses frommen Forschers, der am holprigen Beginn seiner Physikerkarriere noch die Ausmaße von Dantes Hölle zu berechnen versuchte, genau auf dem Prozess und der drakonischen Kirchenstrafe, die eine Sperrminorität von Kardinälen und der Papst seinerzeit gar nicht abgezeichnet hatten. Sein fehlerhaftes Thermometer, seine nicht zustande gekommene Pendeluhr, sein unausgegorener Atomismus, sein korrekter Nachweis des Gewichts der Luft - alles fast vergessen. Trotzdem wurde Galilei mehr noch als der von der Inquisition verbrannte Giordano Bruno seit der Aufklärung über Brecht bis zur heutigen Wissenschaftsdidaktik zum Symbol des Fortschritts der messbaren Wahrheit gegenüber religiösen Dunkelmännern.

          Und sie bewegt sich doch: Selbst sein „eppur si muove“ hat ihm die Legende, an der überall in der Alten und Neuen Welt fleißig gestrickt wurde, in den Mund gelegt. In Florenz wird die ikonographische Heiligsprechung des bärtigen Riesenschädels Galilei im Gelehrtenhimmel sattsam mit allerlei Heiligenbildern und Denkmälern dokumentiert. Ganz unscheinbar prunkt dann beim Ausgang in einer Phiole sein rechter Mittelfinger, den man bei einer Graböffnung - wir sind in Italien! - als Reliquie konservierte. Heute wirkt es, als wolle der Mann, der unter Druck brav beteuert hatte, alles zu glauben, „was die katholische und apostolische Kirche für wahr hält“, diesen etwas verdorrten Stinkefinger seinen Inquisitoren entgegenrecken.

          Weitere Themen

          Phönix aus der Asche?

          Institut für Rundfunktechnik : Phönix aus der Asche?

          Das von den öffentlich-rechtlichen Sendern getragene Institut für Rundfunktechnik ist eigentlich am Ende. Denn alle Gesellschafter haben gekündigt. Nun liegt der Geschäftsbericht für 2019 vor. Er zeigt: Die Technikschmiede hat noch Pläne.

          „Married“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Married“

          Die Serie „Married“ läuft beim Pay-TV-Sender ProSieben Fun.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.