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Gagosian Gallery, Berlin : Trickfilm-Personal in der dritten Dimension

Der Titel der Ausstellung ist ebenso ein gestohlenes Label wie der Name der Galerie, in der sie gezeigt wird. Die Werke allerdings können sich sehen lassen: „YBA“, diesmal für „Young Bavarian Art“, in der Gagosian Gallery, Berlin.

          Wenn es einen Ort gibt, in dem sich das neue Berlin genau so benimmt, wie man es im Ausland erträumt, als leicht melancholische, von Rissen geprägte, einerseits idyllische, andererseits mit einem brodelnden Untergrund ausgerüstete Metropole, also als Prag mit Chelsea im Keller, dann ist es die Auguststraße.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Erste Szene, im Ballhaus Mitte: Es wird eine Party zu Ehren des Künstlers Matthew Barney gegeben, der in der Berlinale-Jury saß und in Berlin noch einmal sein Musical „Drawing Restraint 9“ zeigte, ein finsteres Märchen, das an Ovids Metamorphosen erinnert und die Verwandlung zweier Menschen zu Meeressäugern vorführt. An diesem Abend sitzen Ali Subotnick, Massimiliano Gioni und Maurizio Cattelan, die Kuratoren der vierten Berlin-Biennale, die am 25. März eröffnet wird, unten im alten Ballhaus, während im alten Saal darüber eine Tangogruppe tanzt.

          Marilyn Manson ist gar nicht aufgefallen

          Ali Subotnick erzählt, daß sie keine Liebesfilme mag, sondern lieber Horrorfilme; der Kurator Hans Ulrich Obrist und der Künstler Thomas Demand kommen, dann taucht Matthew Barney auf und neben ihm die Schauspielerin Charlotte Rampling, die umgehend in den ersten Stock zur Tangoschule vordringt, dort mit einem eleganten dicken Herren wirklich umwerfend, nämlich radikal verlangsamt tanzt und so die gesamte Party spontan in den ersten Stock verlagert.

          Rampling tanzte stundenlang, während unten vor den Toiletten, mit eisgrauer Kontaktlinse, ein als der Tod verkleideter Mann anstand; „das ist Marilyn Manson“, flüsterte ein Berliner Schriftsteller und zeigte auf den Rocker, der um sich schaute, ob ihn die Frauen auch erkennen; aber die waren als Bewohnerinnen von Berlin-Mitte an ungesund blasse Jungs mit schlechten Frisuren gewöhnt und kümmerten sich nicht um ihn.

          Techno-Wolpertinger

          Wäre all das ein Film mit dem Titel „New Berlin“ gewesen, man hätte gesagt: Nein. Bitte nicht. Totales Klischee. So ist Berlin nicht. Und dann ist Berlin eben doch so, jedenfalls in der Auguststraße. Mit dem Berlin-Mythos beschäftigen sich auch die Kuratoren der Berlin-Biennale: Wie funktioniert Berlin, was ist Projektion, was die Realität der Stadt, und wo produziert das Sehnsuchtsbild selbst neue Realitäten? Kurz zuvor hatten sie in dem Haus Nummer 50A die Ausstellung „YBA“ eröffnet, in der sogenannten Gagosian Gallery, einer Experimentierstube der Biennale, in der allmonatlich gezeigt werden soll, was zur Zeit in der Stadt und im Land an neuer Kunst und an Diskursen entsteht.

          In der drangvollen Enge sah man Maurizio Cattelan diesmal zwischen dreizehn Werken junger bayerischer Künstler herumspringen und auf den Anlasser eines alten Mercedes-Motors drücken. Sekunden später erwachte der schüttelnd, machte einen Höllenlärm, füllte den von Vernissagenschweiß erfüllten Raum mit schlecht verdauten Abgasen und begann, einen alten Plattenspieler anzutreiben, den der Künstler Alexander Laner auf dem Motorblock befestigt hatte. Zwischen blauen Abgasen und Motorenlärm erklang Chopins Klavierkonzert in F-Moll, Op.21.

          Das Ganze sieht aus, als hätten Außerirdische die Ruinen des mechanischen Zeitalters, einen Motor und einen Plattenspieler, gefunden und in einer ihnen sinnvoll erscheinenden Anordnung zu einem Techno-Wolpertinger zusammengeschraubt, der ein phantastisches Mißverhältnis von Aufwand und Ergebnis und eine Konkurrenz vorführt, die seit Marinettis Bemerkung, ein Rennwagen sei schöner als die Nike von Samothrake, schwelt: Hier klassische Musik, dort der dumpf bollernde Techno-Baß des Benzmotors. Die Zuschauer husteten und freuten sich.

          Etikettenklau

          Gastkuratiert wurde die „YBA“-Ausstellung von dem Münchner Künstler Olaf Metzel - und der Titel der Schau ist ebenso ein gestohlenes Label wie der Name der Galerie, in der die Ausstellung gezeigt wird. Die Kuratoren hatten im vergangenen Herbst kurzerhand im Namen des berühmten Galeristen Larry Gagosian, aber ohne dessen Wissen, die Galerie eröffnet, in der auch gezeigt werden soll, wie der Kunstmarkts seine Hypes und Markenzeichen produziert - und welche Macht diese Zeichen haben.

          „YBA“, eigentlich die Abkürzung des Kunstmarkt-Erfolgslabels „Young British Art“, steht nun für „Young Bavarian Art“ und soll eine Gruppe von bayerischen Künstlern bekannt machen, die im weitesten Sinne Skulpturen schaffen. Neben dem Motorenkunstwerk von Alexander Laner werden noch weitere Arbeiten gezeigt, die aussehen, als sei das Personal von Trickfilmen in die dritte Dimension ausgebrochen und mache nun den Raum unsicher.

          Den Raum vor lauter Böden

          Christian Engelmann zeigt einen Bauernstuhl, der plötzlich, als habe man Marionettenfäden durchgeschnitten, zusammenbricht, sich nach einer Zeit aber, als sei er in Wahrheit ein Kamel, wie von Geisterhand gesteuert wieder aufrichtet. Michael Sailsdorfer präsentiert einen Betonklotz mit eingegossenem Mikrophon, der Bodenvibrationen in einen Lautsprecher überträgt und so den Versuch des Besuchers, sich dem Werk zu nähern, mit einer akustischen Aura aus schmerzhaften Rückkoppelungen vereitelt.

          „YBA“ möchte beides: klassische Ausstellung über eine neue Kunstbewegung und kuratorisches Metakunstwerk sein, das die Mechanismen der Hype-Produktion und der Aufmerksamkeitsökonomie im Kunstbetrieb offenlegt. Das ist typisch für das strategische Vorgehen der drei Kuratoren, die dafür berühmt sind, in ihrer Arbeit so viele doppelte Böden einzuziehen, daß man hin und wieder vor lauter Böden den Raum nicht mehr erkennt.

          Zur Biennale wollen Cattelan und Kollegen auch Ateliers und Privatwohnungen der Künstler für das Publikum öffnen, um so auf eine Kunstszene aufmerksam zu machen, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit funktioniert. Das ist auch Kritik an den Berliner Institutionen, die zu wenig und zu unsystematisch Gegenwartskunst präsentieren, und trägt gleichzeitig zum Mythos von Berlin als einer Stadt bei, in der sich in Hinterhöfen und völlig ungeplant neue Orte bilden; wobei Charlotte Rampling eindrucksvoll bewies, daß dieser Mythos am Ende eine self-fulfilling prophecy ist.

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