https://www.faz.net/-gqz-97f5i

Gabriele Münter im Lenbachhaus : Sie wusste, was sie tat

Endlich sollen Gabriele Münters Bilder für sich sprechen, ohne den Einflüsterer Kandinsky: Eine Retrospektive im Münchner Lenbachhaus korrigiert ein lange verbreitetes Missverständnis.

          Am 19. Februar 1957 wurde die Städtische Galerie, welche die Stadt München in der Villa des Porträtmalers Franz von Lenbach unterhält, ein Museum von Weltgeltung. Es war der achtzigste Geburtstag der Malerin Gabriele Münter. Sie schenkte dem Lenbachhaus mehr als tausend Werke der Künstler des Blauen Reiters, die vor 1914 von München aus die Kunst revolutioniert hatten. Darunter waren allein rund neunzig Ölbilder von Wassily Kandinsky, mit dem Gabriele Münter ein Jahrzehnt lang zusammengelebt hatte. Von diesen Bildern wusste kaum jemand, dass sie existierten. Münter hatte in den zwanziger Jahren Herausgabeforderungen ihres früheren Lebensgefährten abgewehrt und den Schatz in der Hitlerzeit in ihrem Haus in Murnau versteckt, das sie 1909 auf Bitten Kandinskys gekauft hatte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Schenkung schloss 25 von Münters eigenen Gemälden ein. Kandinsky, elf Jahre älter als Münter, war 1944 gestorben. Gabriele Münter starb am 19. Mai 1962. Ihren künstlerischen Nachlass vermachte sie einer zu diesem Zweck errichteten Stiftung, die dem Lenbachhaus zugeordnet ist. Das Museum gibt seiner Dankbarkeit Ausdruck, indem es in regelmäßigen Abständen ihr Werk in seiner Gesamtheit präsentiert. Die erste Retrospektive fand schon im Todesjahr der Malerin statt, weitere Werkschauen folgten 1977 und 1992. Es liegt in der Natur der Sache, dass es solchen Ausstellungen darum zu tun ist, die Eigenständigkeit der Künstlerin vor Augen zu führen. Münter soll eben nicht nur im Verhältnis zu ihrem Lehrer Kandinsky wahrgenommen werden, als des Helden Gefährtin und grundgütige Assistenzfigur in der Mythologie des Blauen Reiters. Sie litt unter dieser Sicht. 1926 schrieb sie ins Tagebuch: „Ich war in vieler Augen doch nur eine unnötige Beigabe zu Kandinsky. Dass eine Frau ein ursprüngliches, echtes Talent haben und ein schöpferischer Mensch sein kann, wird gern vergessen.“

          Die jüngste, vierte Lenbachhaus-Retrospektive macht jetzt die Emanzipation von der biographischen Perspektive zum kuratorischen Prinzip. Münters Werk, legen Isabelle Jansen und Matthias Mühling dar, sei „bis heute vorwiegend anhand ihrer Lebensumstände interpretiert“ worden – „ein für die Untersuchung der Arbeit von Künstlerinnen sehr verbreiteter Fallstrick“. Der Direktor und seine Ko-Kuratorin ordnen das Werk daher nicht chronologisch, sondern thematisch, nach Genres, Verfahren und Problemen: Landschaft, Porträt und Interieur, Abstraktion, Variation und „Primitivismus“. Die Frage, ob Münters schöpferische Kraft in den Jahrzehnten nach Kandinsky eine abnehmende Linie beschreibe, soll erst gar nicht aufkommen: Das Schema der „Linearität“ sei erstens unzeitgemäß und werde zweitens von den Werken widerlegt.

          Damit ist gemeint, dass man bei vielen Bildern nicht auf den ersten Blick erkennt, aus welcher Schaffensphase sie stammen. Und das soll nicht nur daran liegen, dass Münter sich selbst kopierte. Vielmehr habe sie gleichzeitig über verschiedene Bildsprachen verfügt, aus denen sie die für den jeweiligen Zweck passende gewählt habe: Mit dieser Arbeitshypothese einer Werkgeschichte nach Aufgaben will die Ausstellung eine fixe Idee aus dem Weg räumen, das Urelement der Legende von der Künstlerin, den Topos der absichtslos schaffenden Frau.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapolitik : Der Offenbarungseid der Merkel-Ära

          Der Klimaschutz in Deutschland muss nicht nur das Klima retten. Die Koalition denkt auch an sich. Zwischen Protestkultur von links und rechts sucht sie den Mittelweg.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.