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Kunst. Politik. Berlin. Cemile.

Die gefeierte Künstlerin Cemile Sahin zeigt uns die Menschen, die sie inspirieren.

7. Januar 2021
Fotos: TEREZA MUNDILOVÁ
Protokolle: CELINA PLAG  


Cemile Sahin, 30, Künstlerin  

Es gibt einfach Dinge, an denen man arbeiten muss. Das sind so Sachen wie Identitätspolitik, das wird oft missverstanden, auch von den Deutschen. Ständig wird ein Opfermythos kreiert, nur weil Leute von woanders herkommen. Das finde ich schrecklich und falsch. Wir leben in einer globalisierten Welt, da sollte man sich nicht so an Herkunft festbeißen, was nicht bedeutet, dass ich mich verleugnen muss. Ich möchte auch nicht, dass mein Kurdischsein als Katalysator für meine Kunst gelesen wird. Ich bin doch nicht Künstlerin, weil ich Kurdin bin. Und ich bin auch nicht Kurdin, weil ich Künstlerin bin.

Treffen im Berliner Kino International (von links): Fotografin Paul Niedermayer, Künstlerin Cemile Sahin, Künstlerin Elif Küçük
Treffen im Berliner Kino International (von links): Fotografin Paul Niedermayer, Künstlerin Cemile Sahin, Künstlerin Elif Küçük

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Dastan Jasim, 27, Politikwissenschaftlerin

Mein kurdischer Vater hat in den 1980ern gegen Saddam Hussein gekämpft und ist als politischer Flüchtling nach Deutschland gekommen. Ich wurde schon früh für mein Kurdischsein von türkischen und für mein Ausländischsein von deutschen Rechten angegriffen. So habe ich gelernt, dass kurdisch, ausländisch und Frau zu sein etwas ist, das angegriffen und unterdrückt wird. Mein Plan ist es, in Kurdistan zu leben und dort meine in Deutschland erworbenen Qualifikationen und Verbindungen in Forschungsgruppen einzusetzen. Cemile und ich beschäftigen uns beide mit Staatsgewalt und der Verfolgung von Kurd*innen. Ich finde es schön, dass man nicht nur im politischen Feuilleton darüber reden kann, sondern auch in der Kunst.

Dastan Jasim, fotografiert in der Alten Nationalgalerie
Dastan Jasim, fotografiert in der Alten Nationalgalerie

Elif Küçük, 33, visuelle Künstlerin, Art-Direktorin

Als Illustratorin habe ich etwa die Opfer von Hanau und des NSU gezeichnet. Ich habe versucht, diese Opfer von rassistischer Gewalt würdevoll darzustellen, und gesehen, dass es vielen Menschen etwas bedeutet, neue Bilder zu haben. Zudem spielt das Motiv der Freund*innenschaft für mich eine wichtige Rolle. Sie bedeutet Zuhause, Hoffnung und Trost – und ist auch eine politische Kraft: ein radikaler Akt der Hingabe und verbindlicher Pakt. Die meiste Zeit meiner Kindheit und Jugend habe ich in Erfurt verbracht und dort auch physisch Rassismus erlebt. Schon damals hoffte ich: In Berlin finde ich Menschen, die mir beistehen, meinem Wort Glauben schenken würden. Das hat sich bewahrheitet.

Elif Küçük, fotografiert im Kino International
Elif Küçük, fotografiert im Kino International

Paul Niedermayer, 31, Künstlerin

Mich interessieren die Grenzen, an denen Privates und Öffentliches, Arbeit und Freizeit miteinander verschwimmen. Hier wird auch Gender als Kategorie relevant, da diese vermeintlichen Gegenpole traditionell weiblich und männlich konnotiert sind. Für meine aktuelle Arbeit „Back-End“ begleite ich Gleichstellungsbeauftragte bei ihrer Arbeit. Der Titel bezieht sich darauf, wie Diskurse und Debatten rund um Feminismus und Gender stattfinden. Im „Front-End“, den Medien, werden diese Themen öffentlich wahrgenommen. Im Hintergrund, vor den Augen der Öffentlichkeit verschlossen – in Büroräumen oder Institutionen – werden die Gleichstellungsgesetze tatsächlich umgesetzt.

Paul Niedermayer, fotografiert vor dem Café Moskau
Paul Niedermayer, fotografiert vor dem Café Moskau

Soleen Yusef, 33, Drehbuchautorin, Regisseurin

Ich beschäftige mich viel mit dem Thema Integration. Manchmal habe ich das Gefühl, dass in Deutschland damit in Wahrheit Assimilation gemeint ist, die totale Aufgabe der Identität. Weil man ansonsten immer anders bleiben wird. Bis zu meinem neunten Lebensjahr habe ich in Kurdistan gelebt. Ich bin kurdisch, aber auch deutsch aufgewachsen. Da sind immer zwei Herzen, die in einem pochen. Berlin ist meine Heimat seit über zweiundzwanzig Jahren. Eine reiche Stadt. Reich an Menschen und an politischer Vergangenheit. Wenn es einen Ort gibt, wo Diversität in Deutschland gelebt wird, dann hier. Die Stadt heißt alle willkommen. Ich fühle mich besser zu sagen: Ich bin Berlinerin. Als zu sagen: Ich bin deutsch.

Soleen Yusef, fotografiert in der Alten Nationalgalerie
Soleen Yusef, fotografiert in der Alten Nationalgalerie
Soleen Yusef, Cemile Sahin und Dastan Jasim in der Alten Nationalgalerie
Soleen Yusef, Cemile Sahin und Dastan Jasim in der Alten Nationalgalerie

Liesel Burisch, 33, Künstler*in

Viele meiner Arbeiten haben das geheime Ziel, den Betrachter vor sich selber zu entlarven. Nicht auf eine boshafte Art, sondern auf eine intime. Wie positioniert er sich im Prozess seiner Dekolonialisierung und in seinem Wissen um weißes Privileg? Wie in Bezug auf Sexualisierung und Objektivierung nackter Körper? Häufig behandle ich in meiner Kunst Themen, die mich bewegen. Dabei stelle ich mich und meine eigene Unsicherheit indirekt selbst zur Schau. Es geht um hyperkomplexe Fragestellungen, bei denen es mir schwerfällt, eine Antwort zu finden, vielleicht weil es nicht „die eine“ gibt. Mir ist es jedoch wichtig, sich einer Debatte nicht zu verweigern.

Liesel Burisch, fotografiert im Kraftwerk Berlin
Liesel Burisch, fotografiert im Kraftwerk Berlin

Maria Ahmed, 27, Videoproduzentin, Musikerin

Ich mache meine Musik in erster Linie für mich selbst. Mit der Veröffentlichung meiner Debüt- EP „Intro“ habe ich mir Zeit gelassen. Unter anderem, weil es mir wichtig ist, dass ich über mein musikalisches Schaffen bestimmen kann – von den Songtexten bis hin zum Musikvideo. Mit „Dahab“ habe ich deshalb mein eigenes Musiklabel gegründet. „Dahab“ habe ich nach meiner Mutter benannt, die Dahaba heißt. Das ist Arabisch und bedeutet Gold. Meine Freunde und ich haben uns immer gegenseitig unterstützt. Sie haben mich ermutigt, mein eigenes Ding durchzuziehen, und meinen Musikgeschmack geprägt, wofür ich sehr dankbar bin.

Maria Ahmed, fotografiert im Kraftwerk Berlin
Maria Ahmed, fotografiert im Kraftwerk Berlin

Nazanin Noori, 28, Theater- und Hörspielregisseurin, Musikproduzentin

Obwohl ich mich politischen Ideologien verweigere, verstehe ich mich als politische Regisseurin. Ein Beispiel: Auf einer Bühne kann ich eine Falschinformation glaubhaft inszenieren und im nächsten Moment enthüllen. Bestenfalls findet dann so etwas wie Selbstreflexion beim Publikum statt. Ich will niemanden belehren, ich kommentiere das Spiel vor allem durch Sound. Alle Ebenen müssen sich intermedial bedingen. Außer Heiner Goebbels und Ben Frost interessieren mich leider wenige Regiepositionen. Wäre die Theaterwelt diverser und offener, würde sie mehr Künstler*innen mit radikaleren Ansätzen anziehen.

Im Kraftwerk Berlin: Nazanin Noori
Im Kraftwerk Berlin: Nazanin Noori
Von links: Maria Ahmed, Liesel Burisch und Nazanin Noori
Von links: Maria Ahmed, Liesel Burisch und Nazanin Noori

Fotos: Tereza Mundilová
Protokolle: Celina Plag
Fotoassistenz: Kwame Boama
Locations: Alte Nationalgalerie, Kino International / Yorck Kinogruppe, Kraftwerk

Nächstes Kapitel:

Cemile Sahin im Gespräch


„Ich bin politisch. Kunst und Politik sind für mich nicht zu trennen!“

Wird als Künstlerin und Schriftstellerin gefeiert: Cemile Sahin.
Wird als Künstlerin und Schriftstellerin gefeiert: Cemile Sahin.


Interview: NIKLAS MAAK & RAINER SCHMIDT 

Kürzlich zeigte Cemile Sahin eine Arbeit bei der vielbeachteten Gruppenausstellung „Studio Berlin“ im Berghain. Zugleich erzielte ihr zweites Buch „Alle Hunde sterben“, in dem sie eine ganz eigene Sprache für Gewalt findet, große Aufmerksamkeit. Sie unterscheidet nicht zwischen Kunst und Literatur. Ihre Bücher, Fotos, Videos und Filme gehören zu einem Kosmos, in dem es darum geht, wie Bilder manipulieren, wie Geschichtsschreibung funktioniert und wie Gewalt dargestellt werden kann. Einer größeren Öffentlichkeit fiel sie vor einem ein Jahr erstmals auf, als ihr Debütroman „Taxi“ erschien, in dem eine Mutter sich für ihren getöteten Sohn einen Doppelgänger sucht. Für dieses Werk erhielt sie die Alfred-Döblin-Medaille, für ihre Kunst den renommierten „Ars Viva“-Preis. Die in Wiesbaden geborene Tochter kurdischer Eltern gilt als eine der interessantesten neuen Künstlerinnen des Landes.

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Sie sind schon mit 16 Jahren nach England gegangen, warum?
CEMILE SAHIN: Wiesbaden ist ja recht klein, ich wollte schon als Kind nach New York ziehen. Stattdessen bin ich nach London, mit einem Stipendium und der Unterstützung meiner Eltern. Dort habe ich das internationale Abitur gemacht.

FAQ: Danach begannen Sie dort ein Kunststudium.
SAHIN: Ich komme nicht aus einem Kunst-Haushalt. Bei uns zu Hause hat Politik die größte Rolle gespielt. Die Schuljahre in London waren sehr prägend, der Kunst-Input war gut und intensiv. Ich musste sehr viel nachholen und entdecken, weil ich vieles einfach nicht kannte. Aber irgendwann wusste ich: That’s it.

FAQ: Das Studium setzten Sie in Berlin fort.
SAHIN: Nach fast sechs Jahren London hatte ich genug von der Stadt. Da hatte ich schon zwei Jahre Kunst studiert und mich parallel in New York an Kunst-Unis beworben. Durch viele Zufälle und um wieder näher bei meinen Eltern zu sein, wurde daraus die Universität der Künste in Berlin.

FAQ: Es gibt viel Text in Ihren visuellen Arbeiten und viele Bildmotive in Ihrer Literatur. Sie verzichten auf die Trennung der Künste.
SAHIN: Schreiben ist für mich ein Medium innerhalb meiner Kunst. Text und Bild sind für mich nicht voneinander zu trennen. Sprache interessiert mich eher konzeptuell, auch wie ich Bilder über Sprache generieren kann. Es geht mir nicht darum, eine glatte Geschichte runterzuerzählen. Für mich steht die Idee im Vordergrund, und erst wenn ich weiß, was ich machen will, entscheide ich mich für ein Medium, das am besten zu der Arbeit passt.

FAQ: Das Element Film spielt auch eine wichtige Rolle?
SAHIN: Ich habe immer gern Filme gesehen, aber ich wollte nie klassischen Film-Film machen, wo man unbeweglich im Kino sitzt und zuschaut. Mich hat eher der Zwischenraum gereizt: Ich wollte Elemente und Erzählformen des Spielfilms mit der Videokunst kombinieren. In meinen Videoarbeiten arbeite ich oft mit Reenactments und direkten Bezügen zum Spielfilm, die als Videoinstallationen für die jeweiligen Ausstellungsräume konzipiert sind. Ich arbeite zudem sehr oft mit der Split-Screen-Technik, durch die sich laufend andere Bildkompositionen ergeben.

FAQ: Bei der „Ars Viva“-Ausstellung im Hamburger Kunstverein haben Sie eine Installation gezeigt, die aus Flugzeugrutschen, Fotografien und Videoarbeiten bestand. Da sah man explodierende Berge und Menschen, die vor Bergen posierten. Wie kam es dazu?
SAHIN: Es ging darum, auf Nachrichtenbilder und ihre Manipulierbarkeit zu verweisen und wie so eine Art von Geschichtsschreibung funktioniert. Konkret: wie das Motiv des Berges in den türkischen Medien benutzt und dargestellt wird. Berge sind dort heute automatisch mit dem Begriff „Terrorist“ verknüpft. Die Videoarbeit ist eine Zusammenstellung aus Nachrichtenbildern. Wir sehen, wie ständig Bergteile gesprengt werden, also passiert etwas, aber eigentlich sieht man gar nichts. Diese Bilder sind Instrumente einer psychologischen Kriegsführung.

Installation von Cemile Sahin im Hamburger Kunstverein: Wie manipuliert sind Nachrichtenbilder, wie funktioniert Geschichtsschreibung?
Installation von Cemile Sahin im Hamburger Kunstverein: Wie manipuliert sind Nachrichtenbilder, wie funktioniert Geschichtsschreibung? Foto: Fred Dott

FAQ: Um Terroristenbekämpfung anzudeuten?
SAHIN: Genau. Dazu zeigt man türkische Soldaten, die Berge hochlaufen, runterlaufen, die sich von Felsen abseilen, als ob ein Einsatz gerade beendet worden wäre. Natürlich bestens inszeniert. Das sehen wir teilweise live als Breaking News auf allen Kanälen. Aber eigentlich gibt es in dem Moment, außer der Inszenierung, nichts zu sehen.

FAQ: Aber es gibt auch einen anderen, „guten“ Berg?
SAHIN: In Ardahan in der Türkei steht ein Berg, bei dem man bei einer bestimmten Sonneneinstrahlung das Konterfei von Atatürk erkennen kann, das durch die Schatten hervorgerufen wird. Das wurde natürlich präpariert, weil es wirklich 1:1 sein Abbild ist, da braucht man keine Phantasie mehr. Dieser Berg ist ein Pilgerort für Atatürk-Anhänger*innen geworden. Und beide Bergdarstellungen sind ikonisch: der in die Luft gesprengte und der Atatürk-Berg.

FAQ: In Ihrem Episodenroman „Alle Hunde sterben“ wird von grausamer Gewalt gegen Zivilisten erzählt. Woher kommt Ihr Interesse an Gewalt?
SAHIN: Es ist nicht so, dass mich etwas an Gewalt an sich reizt oder dass ich fasziniert davon bin. Es geht vielmehr um autoritäre Staaten und Gewalt, Staatsgewalt ist ein großer Bestandteil davon. Ich habe mich gefragt, welche Möglichkeit der Darstellung es geben kann. Über welche Erzählungen, Bilder, über welche Formen könnte das funktionieren? Die Geschichten haben alle einen realen Hintergrund, wenn man sich mit dem Nahen Osten oder speziell mit der Türkei beschäftigt, kommt man leider nicht um solche Geschichten herum. Aber es geht um Gewalt als universelles Phänomen, das überall unter solchen Umständen auftauchen kann. Und darum, was diese Arten von Militarismus und Nationalismus mit Gesellschaften machen. Wenn Männer zur Armee gehen und die Hemmschwelle dort so runtergebrochen wird, um solche Dinge zu tun.

FAQ: Sie machen Kunst mit politischen Bezügen, Sie haben mit der Autorin Ronya Othmann lange eine politische Kolumne in der „tageszeitung“ (taz) gehabt, die „Orient Express“ hieß. Was hat Sie so politisiert?
SAHIN: Ist das jetzt eine Herkunftsfrage?

FAQ: Nein, es ist die Frage nach der Motivation für diese explizit politische Kolumne.
SAHIN: Ich bin politisch. Kunst und Politik sind für mich nicht zu trennen. Deshalb gab es auch diese Kolumne. Es gab keinen einzelnen Moment der Politisierung. Und die Perspektive der Deutschen auf den Nahen Osten ist eine Mischung aus Romantik, Fetischismus, Orientalismus, oft auch halbwahr. Hier leben ganz schön viele Nahost-Expert*innen. Und wir dachten, wir könnten da ein wenig aufräumen.

FAQ: Ungewöhnlich war, dass Sie mit Ronya Othmann rechte Positionen angegriffen, aber auch linke Gewissheiten in Frage gestellt haben.
SAHIN: Wer sich nicht selbst kritisieren kann oder nicht kritikfähig ist, hat einige grundsätzliche Dinge nicht verstanden. Es sind nicht linke Gewissheiten, die wir in Frage gestellt haben, sondern explizit deutsche. Hier herrschen einige festgeformte „Narrative“ über den Nahen Osten, sei es über politische Zustände, Umstände, Situationen, die sehr linear zusammengefasst sind oder so nicht immer stimmen. Kriege funktionieren doch auch nicht linear. Die Lage ist immer komplexer. Es gibt viele Parteien, viele Akteure, viele Interessen, die Koalitionen wechseln, aus strategischen Gründen, auch, um am Leben zu bleiben. Andere Dinge werden erst gar nicht richtig beachtet, auch in Deutschland nicht. Zum Beispiel der Einfluss türkischer Faschisten und ihrer Verbündeten. Vielen ist nicht klar, dass die größte rechtsextremistische Gruppe in Deutschland die Grauen Wölfe sind. Sie sind sehr gut organisiert, und wir finden sie in vielen großen Parteien in Deutschland. Von türkischen Rechten haben wir auch die meisten Hassnachrichten bekommen.

FAQ: Wie sind Sie mit den Anfeindungen umgegangen?
SAHIN: Die gehen natürlich nicht spurlos an einem vorbei. Aber wenn man mit Arbeiten an die Öffentlichkeit tritt, hat man eine Verantwortung, auch eine politische. Und diese Verantwortung versuche ich sinnvoll zu nutzen. Und ich bin froh, wenn dadurch endlich auf die Debatten, die es ja nun schon länger über die türkische Rechte in Deutschland gibt, schärfere Konsequenzen folgen. Es gibt zum Beispiel eine Denunziations-App, die man sich kostenlos im Apple Store runterladen kann. Mit dieser App werden Oppositionelle direkt in der Türkei gemeldet. Warum ist das immer noch möglich?

FAQ: Mit was für Folgen für Sie?
SAHIN: Besser nicht in die Türkei einzureisen.

FAQ: Sie haben sich aber auch auf der linken Seite nicht nur Freunde gemacht?
SAHIN: Ich finde diese Frage komisch. Ich verstehe mich selbst als Linke und Antifaschistin, aber ich finde genau aus diesem Grund Kritik innerhalb der Linken gut und wichtig. Es geht nicht darum, die deutsche Linke zu bashen. Es gibt einfach Dinge, an denen man arbeiten muss. Das sind so Sachen wie Identitätspolitik, das wird oft missverstanden, auch von den Deutschen. Ständig wird ein Opfermythos kreiert, nur weil Leute von wo anders herkommen. Das finde ich schrecklich und falsch. Wir leben in einer globalisierten Welt, da sollte man sich nicht so an Herkunft festbeißen, was nicht bedeutet, dass ich mich verleugnen muss.

FAQ: Was heißt das?
SAHIN: Ich bin Kurdin, aber das muss ich mir nicht auf die Stirn schreiben. Und ich möchte auch nicht, dass mein Kurdischsein als Katalysator für meine Kunst gelesen wird. Ich bin doch nicht Künstlerin, weil ich Kurdin bin. Und ich bin auch nicht Kurdin, weil ich Künstlerin bin. Wenn ein Yannick aus Köln eine Videoarbeit über Köln macht, redet ja auch niemand fünf Stunden darüber, dass Yannick aus Köln kommt. Wenn die Arbeit gut ist, ist die gut. Ich mache meine Kunst auch nicht, weil ich Identitätsprobleme habe oder eines Tages aufgewacht bin und dachte: Ab jetzt bin ich Kurdin. Dass ich Kurdin bin, bedeutet bloß, dass ich andere Realitäten kenne, besonders politische, das heißt: Es gibt Perspektiven außerhalb von Deutschland. Wäre ich in Frankreich in den Banlieues aufgewachsen, hätte ich mich vielleicht mit Architektur beschäftigt. Wenn jemand aus einem Dorf X in Deutschland nach Berlin zieht und einen Roman über die Stadt schreibt mit Drogen und allem, sagt man auch nicht, das schreibt der nur so, weil der aus X kommt. Das macht man nur mit denen, die man als Ausländer betrachtet, und weil man an homogene Identitäten glaubt. Ich finde diese Herangehensweise reaktionär, sie wird den Akteuren und ihren Arbeiten nicht gerecht, das ist mir zu stumpf.

FAQ: Kann man diesen Zuschreibungen entkommen?
SAHIN: Indem man immer wieder darauf hinweist oder sich dieser Zuschreibung verweigert, die alle nervt. Auch meine Freundinnen, die bei dieser Geschichte für das Quarterly dabei sind, die auch alle etwas Künstlerisches machen. Es nervt, wenn man sich immer wieder dagegen wehren und alles hundertmal sagen muss. Das ist auch bei politischen Arbeiten so. Schreibt ein Deutscher einen gut recherchierten, expliziten politischen Text über die Türkei, wird die Arbeit objektiv bewertet und alle sagen: Wow! Wenn ich das mache, wird mir eine zu hohe Subjektivität unterstellt. Dieses Schiedsrichtergehabe ist die deutsche Rolle in der Identitätspolitik.

FAQ: Ist Berlin für Sie ein guter Ort für Kunst?
SAHIN: Die Stadt ist für meine Arbeit nicht so ausschlaggebend, natürlich bin ich aber lieber in einer Großstadt als in einem kleinen Dorf! Aber es hängt viel mehr an den Leuten, meinen Freundinnen, mit denen ich zusammen sein und arbeiten kann. Ich mag Berlin, aber mich langweilt Berlin auch ein wenig. Ein Tapetenwechsel wäre mal gut. Ich würde sehr gern eine Zeitlang in Tokio leben.

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Quelle: F.A.Z.-Quarterly

Veröffentlicht: 07.01.2021 12:36 Uhr