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Friedrich III. im Stephansdom : Ein Tutanchamun in Wien

Reichsapfel und Zepter zur Rechten des Leichnams im Inneren des Grabes von Kaiser Friedrich III. (1415-1493) Bild: dpa

Friedrich III. ruht als am längsten regierender Kaiser des Mittelalters im Stephansdom. Oder doch nicht? Nun gibt es neue Erkenntnisse und Fotografien aus seinem Grab.

          3 Min.

          Über weite Teile des zwanzigsten Jahrhunderts kursierte die Vermutung, Kaiser Friedrich III. ruhte gar nicht unter seinem tonnenschweren marmornen Grabdeckel im Wiener Stephansdom. Zum ersten Mal seit mehr als fünfhundert Jahren liegen nun aber Bilder aus dem Inneren des Kaisergrabes vor. Die Ruhestätte Friedrichs III., der von 1452 bis zu seinem Tod 1493 volle 41 Jahre regierte und vieles aussaß, ist das größte Einzeldenkmal im Wiener Dom. Und seit einer 2013 vorgenommenen, aber erst jetzt in Wien vorgestellten „Autopsie“ ist endgültig erwiesen, dass es nicht nur den Korpus des Kaisers, sondern auch die emaillierte, vergoldete Krone und die Reichsinsignien birgt.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Das vom bedeutendsten Bildhauer des fünfzehnten Jahrhunderts, Niclas Gerhaert von Leyden, geschaffene Grab Friedrichs III. aus Adneter Rotmarmor ist neben Riemenschneiders Heinrichsgrab im Bamberger Dom die aufwendigste mittelalterliche Kaisergrabanlage nördlich der Alpen. Die ausgedehnte Anlage, an der Niclas Gerhaert bis zu seinem Tod 1473 arbeitete, liegt seit 1513 am Ende des rechten Seitenschiffs des Stephansdoms, nahe dem Allerheiligsten am Hochaltar. Um den Gerüchten entgegenzuwirken, Friedrich läge gar nicht im Grab, stimmte die Dombehörde bereits 1969 zu, ein kleines Loch durch den dicken Stein des Grabes zu bohren, damit Spezialisten überprüfen konnten, ob sich im Inneren ein Leichnam befand. Mit Hilfe einer winzigen Lampe und eines Spiegels wurde bestätigt, dass sich die Überreste des Kaisers im Inneren befanden.

          Mit kleinen Kameras wurde das Innere des letzten unangetasteten Kaisergrabs Europas erforscht. Bilderstrecke

          Doch mit der Technik von damals war es nicht möglich, durch die mikroskopisch kleine Öffnung Fotos zu machen. Vor sechs Jahren wurde das kleine Loch neuerlich geöffnet, um das Innere des Grabes ausführlich mit einer Endoskopkamera zu dokumentieren. Die spektakulären Bilder aber blieben vertraulich und wurden erst jetzt, nach einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Dom und Kunsthistorischem Museum Wien, zugänglich gemacht.

          Ein Sarg aus glasierten Keramikfliesen

          Franz Kirchweger, ein Kurator des federführenden Kunsthistorischen Museums, berichtet, er habe sich beim Betrachten der Bilder „wie Howard Carter gefühlt, der als Erster den Reichtum im Grab des Tutanchamun sah“. Der britische Archäologe hatte 1922 mit einer Kerze durch ein kleines Loch in der Mauer des Pharaonengrabes im ägyptischen Tal der Könige geleuchtet und eine Fülle von goldenen Objekten erblickt.

          Der Vergleich ist angesichts des Glanzes der vollständig vergoldeten Grabbeigaben wie der prächtigen Kaiserkrone und dem von Goldfäden durchwirkten Kopfkissen aus Brokat kaum übertrieben. Nicht nur war das Skelett des Kaisers intakt und mit Grabbeigaben bedeckt, er war auch mit Zepter und Reichsapfel zur Ruhe gebettet worden. Als große Seltenheit ist das Kreuz auf dem vergoldeten Reichsapfel nicht nur aufwendig mit Blüten an allen vier Dreipass-Enden geschmückt; es trägt zusätzlich auf ganzer Länge den Kreuzestitulus „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“ in feiner Emailletechnik. Vor allem aber trägt der Kaiser seine emaillierte, vergoldete Mitrenkrone, bei der in der Mitte eine Art Bischofsmitra mit traumhaft schönen und freien Arabeskenranken in grüner Emaille aufragt, während sich alle übrigen Verzweigungen des Kronreifs filigran im Stil der Zeit Friedrichs in vegetabilem spätgotischem Astwerk einrollen. Der Typus der Mitrenkrone, den etwa auch Dürers Kaiserbildnisse zeigen, wurde von den habsburgischen Herrschern bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 verwendet.

          Durch die hochaufgelösten Aufnahmen ist ebenfalls zu erkennen, dass das Grab zwei weitere Besonderheiten aufweist: Einzigartig ist, dass der Sarg vollständig aus glasierten Keramikfliesen gebaut wurde. Das Grab ist zudem im Inneren mit länglichen vergoldeten Metallplatten mit Inschriften versehen, auf denen die Leistungen Friedrichs und vor allem die seines Sohnes Maximilian gewürdigt werden, der 1513, zwanzig Jahre nach dem Ableben des Vaters, dessen Umbettung aus Wiener Neustadt und die prunkvolle Beisetzung in diesem imposanten Grab veranlasste, um sich auch selbst damit zu verewigen.

          Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Grab jemals wieder geöffnet wird. Dies wäre schon logistisch äußerst schwierig, da allein der Deckel acht Tonnen wiegt und das Öffnen wahrscheinlich das Grab und seinen wertvollen Inhalt beschädigen würde. Hinzu kommt die ethische Frage, ob es angebracht wäre, die Totenruhe abermals zu stören. Mit Hilfe des kleinen Lochs wurden jedoch winzige Stücke der Keramikfliesen und ein Stück Textil zum Studium entfernt. Das Kunsthistorische Museum Wien wird am 21. Januar ein Buch zu den Funden im Kaisergrab veröffentlichen.

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