https://www.faz.net/-gqz-sjd1

Freud-Ausstellung : Der Sigismund, ja der hat Seelen

Eine Torte für Ödipus: Das Berliner Jüdische Museum zeigt eine traumhafte Party zum hundertfünfzigsten Geburtstag von Simund Freud mit Vater, Mutter, Trieb, Liebe und Neurose.

          4 Min.

          Eine Lehre, die ganz aus Sprache ist, ganz wirklich Sprache ist, in eine Ausstellung umzusetzen ist kein einfaches Unterfangen. In Berlin geht es genau darum: nämlich jene talking cure - den Begriff fand Anna O., unser aller erste praktizierende Hysterikerin, die einst Freud auf seinen Königsweg führte - zu installieren, ihr gewissermaßen museale Symptome zu verschaffen, durchaus im Sinn der reinen Lehre als sichtbare Anzeichen und Stellvertreter für unbewußte seelische Konflikte.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Eine überdimensionale Geburtstagstorte empfängt die Besucher. Da soll wohl Appetit gemacht werden auf ein Denkgefüge, dessen Faltungen von so manchen Unappetitlichkeiten durchzogen sind. Aber der weiße Sahnekuchen geht ad personam, auf seiner gestuften Decke ist im Schatten einer „150“ Sigmund Freuds Lebenskreis als Stationendrama aufgeführt. Die Darsteller sind kleine Stoffpüppchen: eine putzige Komparserie von der füllig-weißen, unbekleideten Trauma-Mama des kleinen Sigismund, über die hypnoseschlaffe Anna O. in der Sofaecke bis zu Virginia Woolf und Salvador Dali zu Besuch beim moribunden Freud im Londoner Exil. Solche Possierlichkeiten befremden zunächst angesichts des Themas. Indessen hat diese groteske Torte aus Schaumstoff mit ihrem Miniaturpersonal selbst etwas von Traumstoff, von einem Traumsymbol, einem Zeichen, das noch zu deuten wäre.

          Lies den Traum wie ein Rätsel

          Hinter der Torte, aus deren Bauch die Erzählung von Freuds Leben spricht, hängen und stehen im Raum massive Leuchtstoff-Wortbilder, plakativ und knallig. Mit simplen Hebeln und Mechanismen sind sie interaktiv gemacht, als solle durch die Hintertür die Kindheit wieder hereingeführt werden, in der doch des Subjekts Schicksal geformt wird. Demjenigen, der seinen Freud ein wenig kennt und liebt, ist nebenbei signalisiert: Lies deinen Traum nicht nach seinen Bildern! Lies ihn wie einen Rebus, ein Bilderrätsel eben; denn du mußt die Traumbilder erst in Worte übersetzen, um ihren Sinn zu verstehen, den Kassiber aus dem Unbewußten. Für die Neulinge in Freuds Märchenstunde ist jedenfalls das Terrain abgesteckt, auf dem es zu sondieren gilt.

          Tatsächlich sind die so unmittelbaren wie einleuchtenden Erklärungen zentraler Begriffe in der Ausstellung - wie auch im illustrierten Glossar des charmanten Katalogbuchs - der Revision der Psychoanalyse durch den französischen Meisterdenker Jacques Lacan zu verdanken. Gewissermaßen unterderhand wird das Freudsche Ur-Denken - das eng verknüpft ist mit seiner Ära und mit dem kleinfamilialen Gefüge als intimem Ort der Produktion von Neurosen, die dann in der Gesellschaft öffentlich herumspuken - in ein System überführt, das den Mensch in die Sphären von Symbolisierung und Imagination eingespannt: Man lese die Definitionen zu „Mutter“ oder „Vater“, zu „Wunsch“ oder „Gott“: Das heißt keineswegs, Freuds Lehre zu verfälschen; es ist kein Bärendienst an ihr, eher ein Liebesdienst.

          Eine heitere Oase

          Weitere Themen

          Angst kannte sie nicht

          Lee Krasner in Frankfurt : Angst kannte sie nicht

          Sie ist die Königin des abstrakten Expressionismus: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt Hauptwerke der amerikanischen Künstlerin Lee Krasner.

          Topmeldungen

          Laut einem Zeitungsbericht vertagt Volkswagen die Entscheidung über ein Werk in der Türkei.

          Bericht: : VW vertagt Entscheidung über Werk in der Türkei

          Ursprünglich hatte VW der Türkei einen Vertragsabschluss über das Werk für Oktober in Aussicht gestellt. Aufgrund der Invasion türkischer Truppen im Norden Syriens könnte der Deal möglicherweise platzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.