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Ausstellung zur Novembergruppe : Die Dissidenten waren die besseren Künstler

Hannah Höch: Der Zaun (1928) Bild: Kai-Annett Becker/VG Bild-Kunst,

Mit revolutionärem Gestus gegründet, vom Staat umarmt und in die Form geflüchtet: Eine Ausstellung in Berlin erzählt von Aufstieg und Fall der Novembergruppe in der Weimarer Republik.

          Über die Entstehung der Novembergruppe gibt es eine Anekdote, die der Maler Heinrich Richter in den siebziger Jahren einem Kunsthistoriker erzählte. Demnach habe er im November 1918, „als die Revolution ein paar Tage alt war“, auf dem Potsdamer Platz den Kollegen Max Pechstein getroffen. Dieser meinte, „man solle neu anfangen“, und er wisse auch, wie: Richter solle seine Leute zusammentrommeln (also die Künstler der „Neuen Secession“), und er, Pechstein, werde die „Brücke“-Maler bringen. Einen Namen für das Ganze gebe es auch schon: „Novembergruppe“. Im selben Augenblick sei ein Lastwagen voller bewaffneter Matrosen vorbeigefahren, welche die Umstehenden aufgefordert hätten, sich zum Widerstand gegen die Konterrevolution bereit zu machen. Da habe sich Pechstein rasch in einen nahen U-Bahn-Eingang verdrückt, und er selbst habe es ihm gleichgetan.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Geschichte ist, wie viele schöne Geschichten, unverbürgt und vielleicht nur gut erfunden. Aber sie beschreibt sehr genau das Dilemma, in dem die Novembergruppe von ihrer Gründung bis zu ihrem kläglichen Ende im Nationalsozialismus gelebt hat, den Widerspruch zwischen künstlerischem und politischem Tun. Einerseits ist die Gruppe ein Kind des Umsturzes, andererseits will sie von ideologischen Zwecken frei sein. Sie kämpft den Kampf der Matrosen, aber nur im Atelier. Ihr Name verpflichtet sie auf die Revolution, ihr Interesse auf den Staat. Als beide auseinandertreten, als die Republik von Weimar in den Formen des bürgerlichen Parlamentarismus erstarrt, gerät die Novembergruppe in ihre schwerste Krise.

          César Klein, Rudolf Belling, Emy Roeder, Heinrich Richter und andere Mitglieder der Novembergruppe im Jahr 1920 in Berlin

          Raoul Hausmann, der zusammen mit Hannah Höch den Sprung von Dada zum Dogma vollzogen hat, nutzt 1921 die Zurückweisung zweier Bilder von Otto Dix und Rudolf Schlichter durch die Leitung der Großen Berliner Kunstausstellung, um der Gruppe den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Seine Austrittserklärung, in der er den marktgerechten Konformismus ihrer Erzeugnisse anprangert, wird von Dix, Schlichter, Höch, George Grosz und John Heartfield unterzeichnet. Die Gruppe reagiert mit einem Statement, in dem sie gouvernantenhaft ihr „kunstrevolutionäres“ Anliegen verteidigt. Von da an ist sie, genau betrachtet, nur noch ein Verein.

          Issai Kulvianski: Mein Töchterchen Kiki (1927)

          Die Ausstellung, die die Berlinische Galerie der Novembergruppe widmet, ist als Kunstereignis nur von mittlerem Gewicht, als zeitgeschichtliche Schau dagegen ein Wurf. Denn hier kann man noch einmal das ganze Trauerspiel der Weimarer Republik verfolgen, ihre tumultuöse Geburt, ihren Aufstieg und jähen Untergang, eingefangen in einem Taschenspiegel. Die Kulturpolitiker des neuen Staates erkannten rasch, dass sie in der neuen Künstlervereinigung ein ideales Gegenüber hatten, und so spannen sie die Novembergruppe in ihre Netze ein: erst durch Plakataufträge für den „Werbedienst der deutschen sozialistischen Republik“, für den Pechstein den Ganswürger-Knaben aus der Münchner Glyptothek zum Bannerträger der Revolution machte, dann durch regelmäßige Beteiligung an der jährlichen Großen Kunstausstellung im Glaspalast am Lehrter Bahnhof, dem Berliner Äquivalent zum Pariser Salon, und zuletzt durch zahlreiche Ankäufe für Ludwig Justis „Galerie der Lebenden“ im Kronprinzenpalais.

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