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Dortmunder Museen : Es kostet Sie nichts

Seltene Münzen sind hier nicht selten: Der römische Goldschatz im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Bild: Stadt Dortmund

Führt der Verzicht auf Eintrittsgelder im Museum zu einem dauerhaften Anstieg der Besucherzahlen? Dortmund macht die Probe.

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          Vergrabener Schatz! Wissen wir nicht, dass das der älteste Gaunertrick der Welt ist, um Dummköpfen ihr Geld abzuknöpfen? Jens Stöcker, Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) der Stadt Dortmund, ist aber kein Gauner. Sein Goldschatz kommt nicht aus der Trickkiste des Eventmarketings, ist kein Simulacrum aus dem 3D-Drucker, made in Neu-Gablonz. Die 444 römischen Goldmünzen wurden wirklich vergraben, mutmaßlich von einem Soldaten, der Anfang des fünften Jahrhunderts in Gallien Dienst tat, und wirklich wieder ausgegraben, am 30. August 1907 in der Dortmunder Ritterstraße.

          Mit Dummköpfen könnte Stöcker nichts anfangen. Der erste Museumsleiter, Oberlehrer Eduard Roese, der sich durch die Betreuung der städtischen Münzsammlung für sein Amt empfohlen hatte, konzipierte die 1883 als Städtisches Kunst- und Gewerbemuseum gegründete Anstalt als Studiensammlung zum Zweck der Bildung durch Nachbildung, und nach wie vor wendet sich das Haus, das 1983 ins Gebäude der Stadtsparkasse umzog, an kluge Bürger, die noch klüger werden wollen.

          Nur Sonderausstellungen kosten etwas

          Und noch nie war die Entscheidung zum Hineinspazieren so klug wie heute, denn seit Anfang des Jahres knöpft der Direktor den Besuchern der Dauerausstellung kein Geld mehr ab. Sie müssen dem Depositum des sparsamen Legionärs keine Münze hinzufügen. Eintrittsgeld braucht die Tresore der alten Sparkasse nicht zu füllen, so die Kalkulation der städtischen Kulturbetriebe, wenn das Museum nur reich an Besuchern wird.

          Die Rechnung ist aufgegangen: Für das erste Halbjahr 2019 kann eine Verfünffachung der Besucherzahl vermeldet werden. Stefan Mühlhofer, der Leiter der Kulturbetriebe, wird dem Stadtrat deshalb vorschlagen, dass auch 2020 in den städtischen Museen – dazu gehören das Museum Ostwall im Dortmunder U und das Naturkundemuseum, beide derzeit geschlossen, sowie der neue Schauraum für Comic und Cartoon – nur für Sonderausstellungen eine Eintrittsgebühr erhoben wird.

          Den Dortmunder „Nordstadtbloggern“ sagte Mühlhofer, die Museen „würden zunehmend zu Treffpunkten und zu Orten der Begegnung“. Bis die Dortmunder Bürgerschaft ein Volk von Museumsbesuchern geworden ist, wird freilich noch einige Zeit vergehen. Mit der Ehrlichkeit, die man vom Ruhrgebiet erwarten möchte, weist die Pressestelle der Stadt darauf hin, dass der spektakuläre Anstieg im MMK von niedriger Basis aus erfolgte: Im ersten Halbjahr 2018 zählte die Dauerausstellung 3028 Besuche, im ersten Halbjahr 2019 waren es 15 379.

          Die Museen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) experimentieren ebenfalls mit dem freien Eintritt, beschränken ihn allerdings auf Besucher unter achtzehn Jahren. Barbara Rüschoff-Parzinger, die Kulturdezernentin des LWL, verweist auf Studien, wonach der Zuwachseffekt nach Gewährung allgemeinen freien Eintritts kurzfristig bleibe. Es ist an den Dortmundern, diese Vermutung jetzt zu widerlegen. Dann kann der Gedanke Schule machen, dass der Museumsbesuch kein Luxus ist, für den man lebenslang sparen muss.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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