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Ausstellung zur Frauenmode : Abschied von der Frau als Statue

Hasselhorst, Johann Heinrich, Drei schreitende Frauen in Rückenansicht, Öl auf Leinwand Bild: Historisches Museum Frankfurt

Die Ausstellung „Kleider in Bewegung – Frauenmode seit 1850“ im Historischen Museum Frankfurt macht Emanzipation erfahrbar.

          3 Min.

          Die Ausstellung war schon am 18. März fertig, seither schlummerte sie, wie Jan Gerchow sagt, der Direktor des Frankfurter Historischen Museums. Gestern nun konnte sie fürs Publikum unter den geltenden Regeln – Abstand, Mund- und Nasenschutz – geöffnet werden. Bewegung ist das zentrale Moment der Schau. Genauer heißt das, sie zeigt, wie an Kleidungsstücken die Veränderungen von weiblichen Bewegungsmustern anschaulich werden, in der Zeit von 1850 bis 1930. Sichtbar, fast fühlbar wird in dem gelungenen Panoptikum an vielen Exponaten, von der Unterwäsche bis zum Sportschuh, wie der Frauenkörper im Lauf von achtzig Jahren an Bewegungsfreiheit gewinnt, von der Einschnürung als Statue hin zur Entfesselung im Reformkleid und endlich zum Durchbruch der Damenhosen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Bewegung, zunächst als Bewegungshemmung, war den Kleidungsstücken tatsächlich eingearbeitet – in mehrfachen Schichten, einer Panzerung nicht unähnlich, noch im Futter der Oberbekleidung: Da ist zum Beispiel das Innenleben einer Taille, also des bis um 1900 einzig möglichen Oberteils zum langen Rock, gleichsam obduziert. Dazu muss man sich über das Gewicht solcher Roben klar sein, das je nach Elaboriertheit bis zu einigen Kilogramm betrug. Die sukzessive Herausschälung aus den Hüllen geht mit einem gesellschaftlichen Prozess einher, der die Frau nicht länger Accessoire und Vorzeigeobjekt des bourgeoisen Gatten sein lässt.

          Da konnte Männerkleidung zum Vorbild werden

          Konzipiert ist die Ausstellung von den Kuratorinnen Maren Ch. Härtel und Dorothee Linnemann, in Zusammenarbeit mit dem Forschungsprojekt „Kleidung in Bewegung versetzen“ von Kerstin Kraft und Regina Lösel am Lehrstuhl für Kulturwissenschaft der Mode und des Textilen der Universität Paderborn. Anhand der konkreten Beschaffenheit von Kleidung, ihrem Stoff, den Nahtverläufen und Schnittformen sollen „Erfahrungsweisen menschlicher Bewegung“ sichtbar gemacht werden. Dafür sind im Historischen Museum viele der Kleider auf speziell hergestellten, biegsamen Figurinen präsentiert. Die meisten Exponate stehen frei im Raum, so dass man sie rundum betrachten kann. Dahinter auf die Wände sind Bewegungsstudien projiziert; Fotografien aus der Zeit unterstützen das Programm zusätzlich. Die Schau handelt nicht zuletzt vom Vordringen der Frauen in die Öffentlichkeit.

          Von den zehner Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts an ging es voran. Da konnte die Männerkleidung, deutlich weniger vom Zeitenwandel betroffen (und übrigens auch kaum in Museumssammlungen vertreten), zum Vorbild werden: wie das zum Beispiel ein langer heller Frauensommermantel von 1910 beweist, den man sich heute glatt nachschneidern lassen könnte. Die zwanziger Jahre reduzierten die Kleidungsschichten zügig weiter – mit dem logischen Effekt, dass nun die bewegten Frauenkörper selbst in Form gebracht werden müssen, durch sportliche Betätigung zuvörderst.

          Taille eines Nachmittagskleids um 1850 Bilderstrecke

          Das Reiten, nicht länger im Damensitz, das Fahrradfahren brauchten Beinfreiheit, die zur Erfindung einer Art von Hosen-Röcken führte; wobei die Hosen dezent unterm geknöpften Rock kaschiert wurden. Für das athletische Schwimmen kam der Badeanzug aus gewirktem Stoff auf: jene Trikotware, die Coco Chanel wenig später gesellschaftsfähig machen und ihren Siegeszug in der Mode antreten lassen sollte. Auf dem glatten Tanzparkett der Zwanziger glänzte das Charlestonkleid mit Pailletten, unter elektrischem Licht in Schwingungen versetzt vom nun sehr beweglichen Frauenkörper und seinen Extensionen in Fransen.

          „Kleider in Bewegung“ ordnet sich um ein Zentrum an, in dem zeitgenössische Filmsequenzen aus Frankfurts urbanem Leben laufen. Denn fast alle gezeigten Stücke kommen aus der großartigen Kleider-Sammlung des Hauses, und so manche dieser Kreationen wurden einst von Frankfurter Bürgerinnen getragen. Ein wunderschönes Tanzkleid von 1924 aus Paris, über und über mit Strassperlen bestickt, liegt unter Glas wie in einem Schneewittchensarg, weil es so empfindlich ist: Es gehörte einst Anna Kotzenberg, der Frau des vermögenden Frankfurter Kaufmanns und Künstlerförderers Karl Kotzenberg, Seine Firma ging in der Weltwirtschaftskrise bankrott, er starb verarmt 1940 in Frankfurt, Anna Kotzenberg lebte hier noch bis 1956.

          Ein kleines metallenes Instrument von 1890 sei noch erwähnt: der „Kleiderraffer“, mit dem sich die langen, die Mobilität behindernden Röcke schürzen ließen. Der Katalog bemerkt dazu: „Dass die Röcke nicht einfach gekürzt wurden, verweist auf die Komplexität des Systems Mode, das den Regeln des Marktes, aber auch gesellschaftlichen Konventionen folgt und Funktionalität nicht unbedingt in den Vordergrund stellt.“ Dieser Satz hat freilich bis heute nichts an Gültigkeit verloren, auch wenn, gemeinhin, Freiwilligkeit für selbstauferlegte modische Disziplin unterstellt werden darf. Endlich sind all die Korsette und Korsagen doch bloß die älteren Schwestern von Shapewear.

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