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Frauen in der Kunst : Wir mussten die Kunstgeschichte neu erfinden

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Auch Michelangelo?

Nehmen Sie die Sixtinische Kapelle. Ich bin nicht religiös, aber natürlich bewegt mich die schiere Größe und der Ehrgeiz dieses Deckengemäldes. Aber, um ehrlich zu sein: Es interessiert mich nicht besonders.

Und warum Impressionismus?

Dafür gibt es ästhetische wie politische Gründe. Es ist eine Epoche des Wandels, säkular, nicht an starre Hierarchien oder religiöse Gebote gebunden. Die Kunst beschäftigt sich mit dem Moment, mit Menschen in ganz alltäglichen Situationen, mit der Natur, mit einer säkularisierten Gesellschaft. Und mir gefällt der Malstil, er ist sehr offen, ehrlich. Es geht nicht um Perfektion, man ist stolz auf Unmittelbarkeit, darauf anwesend und für den Betrachter sichtbar zu sein.

Zu Ihren Spezialgebieten zählt der französische Realist Gustave Courbet. Ist das nicht überraschend für eine feministische Kunsthistorikerin?

Ich hoffe, dass es überraschend ist. Es gibt nichts Langweiligeres, als leicht eingeordnet werden zu können. Über Courbet habe ich geforscht, weil er ein ästhetischer und politischer Rebell in seiner Zeit war. Wenn ich das so sage, scheint mir doch, dass es sehr auf einer Linie mit meinen feministischen Arbeiten liegt.

Nur dass Courbet nicht gerade ein Feminist war.

Nein, sicherlich nicht. Aber wer war in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schon Feminist? Es gab ein paar Denker, aber Künstler?

Die Kunst- und Museumswelt wird immer noch von Männern dominiert. Wenigstens weniger als früher?

Ja. Es gibt heute viel mehr Galeristinnen, Künstlerinnen werden mehr ausgestellt. Die Preise erhalten sie meistens noch nicht, aber Künstlerinnen wie Louise Bourgeois sind heute eine feste Größe. Eines muss man allerdings dabei sagen: Als Ausnahme waren Frauen immer Teil der Kunstgeschichte. Rosa Bonheur zählte unter die erfolgreichsten Künstler des neunzehnten Jahrhunderts, Georgia O'Keefe war ebenfalls unglaublich erfolgreich. Ihre Blumen sind auf Postern, in der Werbung, überall. Insofern muss man es wohl so zusammenfassen: Es gibt schon lange erfolgreiche Künstlerinnen, in jeder Zeit immer eine, als Ausnahme.

Die Ausnahme, die die Regel bestätigt?

Ja. Frauen galten nicht als begabt, schon gar nicht als Genie. Aber die eine Ausnahme machte man. Das ist natürlich witzlos, Gleichheit hieße, Künstlerinnen ebenso als Regel zu akzeptieren wie männliche Künstler.

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt gerade die Impressionistinnen Berthe Morisot, Mary Cassatt, Marie Bracquemond und Eva Gonzalès.Der Slogan der Frankfurter Ausstellung lautet „Impressionismus ist feminin“. Stimmt das?

Ganz ehrlich, ich kann Ihnen die Frage, was feminin ist, nicht beantworten. Ist Berthe Morisot femininer als Monet? Gute Frage. Die Impressionisten jedenfalls erlaubten Frauen, an ihren Ausstellungen teilzunehmen und die Frauen, die teilnahmen, zeichneten sich durch eine Vielfalt von Stilen aus.

Das Bild, über das Sie geschrieben haben, malte Morisot 1879/80 und es heißt „Amme mit Kind“. Warum ist das ein interessantes Bild?

Stellen Sie sich das einmal vor: Eine andere Frau zu malen, wie es Morisot tut, während diese Deinem Kind die Brust gibt. Das ist ein außerordentliches Sujet. Niemand hatte das je gemalt.

Woran arbeiten sie jetzt?

Mein Buch über Courbet ist fertig, ein Essay über eine japanische Fotografin auch. Ich würde gerne eine Ausstellung über das Alter machen.

Weil sie selbst älter geworden sind?

Ich bin siebenundsiebzig, ich sollte wohl jetzt mit „ja“ antworten. Natürlich suche ich mir Themen aus, die mich selbst beschäftigen. Aber es geht mir nicht um eine schlichte emotionale Reaktion, das fände ich intellektuell zu wenig. Nur: Eine Kunstgeschichte, die von Dingen handelt, die uns nichts angehen, schiene mir sehr langweilig.

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