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Ausstellung in Zürich : Ohne Lady Dada keine Lady Gaga

Wie weiblich war der Dadaismus? Die Ausstellung „Dada anders“ des Museums Haus Konstruktiv in Zürich präsentiert die Werke von drei herausragenden Künstlerinnen – und bleibt doch viele Antworten schuldig.

          3 Min.

          Klingeln, Tingeln und Klaviergeklimper, dazu lockt eine kokette Frauenstimme: „Hello, hello, hello! O, o, o, iii, aaa . . .“, um Worte und Vokale mit klirrendem Gelächter zu zerbrechen – dem Lachen Dadas. Die Klanggedicht-Performance der „Dada-Baroness“ Elsa von Freytag-Loringhoven hinterfängt wie ein Soundtrack die Ausstellung, mit der hundert Jahre nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire das Züricher Museum Haus Konstruktiv den Beitrag der Frauen zu der Bewegung würdigen will, die Hugo Ball ein „Narrenspiel aus dem Nichts“ nannte – und die tolldreisteste avantgardistische Anti-Kriegs-Anti-Bürger-Anti-Kunst-Kunst überhaupt war. Devise: „Jekami“, jeder kann mitmachen, also auch Dilettanten, also auch Frauen, die damals noch kaum Zugang zu Kunsthochschulen hatten.

          Zwei Vertraute, eine Unbekannte

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tatsächlich prägte eine Vielzahl Frauen Dada, als bildende Künstlerinnen, Tänzerinnen und Literatinnen, Modelle und Musen, Verlegerinnen und Mäzeninnen. Manifeste waren ihre Sache eher nicht, vielleicht auch deshalb gerieten nicht wenige Dada-Frauen in Vergessenheit. Aber auch, weil so manche männliche Kollegen sie aus ihren Dada kanonisierenden Erinnerungsbüchern heraushielten.

          Dass Hannah Höchs früherer Lebensgefährte Raoul Hausmann sie retrospektiv lieber bei den Expressionisten einsortieren wollte und Hans Richter sie als „kleines Mädchen“ abtat, konnte der Meisterin der dadaistischen Fotomontage allerdings nie etwas anhaben. Was wäre Dada Berlin ohne ihren scharfen „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Bierbauchkulturepoche Deutschlands“? Wie wichtig Sophie Taeuber-Arps von Laban inspirierten Tänze in selbstentworfenen Kostümen für die Züricher Dada-Spektakel waren und wie wesentlich der Einfluss der abstrakten Collagen, Holz- und Textilarbeiten der Kunstgewerbelehrerin auf seine eigene Kunst, hat ihr Ehemann Hans Arp dagegen immer betont. Ihr Rang ist unbestritten und durch Einzelausstellungen untermauert, in der Schweiz ziert den Fünfzig-Franken-Schein ihr Antlitz.

          Gegen diese Lady Dada sieht Lady Gaga alt aus

          Die einzige eher Unbekannte, die es in der von Sabine Schaschl, Margit Weinberg Staver und Evelyn Bucher kuratierten Schau zu entdecken gilt, ist Elsa von Freytag-Loringhoven, deren Gesang durch die Räume schwebt, bis er an den Nerven zerrt. Und was für eine nervenaufreibende Person muss die 1874 als Elsa Plötz in Swinemünde Geborene gewesen sein, die in dritter Ehe zu ihrem adligen Namen kam und sich in New York mit einer Exzentrik zur wandelnden Kunstfigur stilisierte, dass Lady Gaga gegen diese Lady Dada alt aussieht. Die Baroness posierte als lebende Statue und Nacktmodell, hatte eine Affäre nach der anderen, lief mit leeren Tomatendosen als BH durch die Gegend oder mit Rücklicht am Gesäß, schrieb skandalös erotische Lyrik, die mit Lauten und Typographie spielte und die „New York Times“ zu Artikeln über sie animierte. Mit Man Ray drehte sie Filme, mit Djuna Barnes diskutierte sie über Lyrik, Marcel Duchamp und sie befeuerten sich gegenseitig damit, Kunst neu zu definieren. Wo hätte das noch hingeführt, wäre sie 1927 nicht an einer vermutlich selbst herbeigeführten Gasvergiftung gestorben?

          Duchamp ist er Erfinder des „Ready Mades“? Von wegen. Elsa von Freytag-Loringhoven kam ihm mit ihrem „Enduring Ornament“ 1913 um Jahre zuvor. Bilderstrecke

          Ob es stimmt, dass sie und nicht Duchamp hinter dem Pissoir steht, das 1917 als erstes Ready-made in die Kunstgeschichte einging, bleibt womöglich für immer ein Rätsel. Dass aber Elsa von Freytag-Loringhoven schon vier Jahre vor diesem Coup einen eisernen Ring von der Straße auflas und zum Kunstwerk „Enduring Ornament“ erklärte, ist Gewissheit. Das rostige Zeugnis davon, dass sie das „Objet trouvé“ fand und kein anderer, liegt in der Ausstellung wie ein prähistorisches Relikt.

          Wer ist hier wem gefolgt?

          Zu sehen sind auch Handschriften ihrer zum Teil bildkünstlerisch umgesetzten Gedichte – kleinformatige Bögen. Ebenso zierlich fällt ihr „Earring Object“ aus spiralförmigem Metall aus, das an Duchamps bewegliche Skulptur „Lampshade“ denken lässt. Wer ist hier wem gefolgt? Die Ausstellung versucht sich weder an solchen Fragen noch an Antworten, sondern lässt ihre Besucher nach den notwendigsten biographischen Informationen mit einer überschaubaren Werkauswahl allein. Das aber ist ein Fehler, weil es den im Titel der Schau erhobenen Anspruch, „DADA anders“ zu zeigen, nicht einlöst.

          Ein Raum versammelt exquisite Collagen Hannah Höchs, gesellschaftskritische wie die Geschlechterrollen zerlegende „Kokette“, auf der eine Frau mit archaischer Maske die Huldigung eines Bären und eines Hundes mit Männerkopf entgegennimmt, oder gänzlich abstrakte wie das Arp zugeeignete „Schnurbild“. Die folgenden Säle zeigen die ganze Bandbreite von Sophie Taeuber-Arps Ausdrucksformen: eine Replik ihres Kostüms „Hopi-Indianer“, perlengestickte Notizbuchumschläge, horizontal-vertikale Farbfeldkompositionen, die sich als systematische Erforschungen von Rhythmus, Farbe und Proportion erweisen, schließlich als Höhe- und Schlusspunkt ihre aus kubischen Formen konstruierten Marionetten für Carlo Gozzis „König Hirsch“.

          Es fehlt der Resonanzraum

          Das alles bietet Einblicke ins Schaffen dreier herausragender Künstlerpersönlichkeiten in drei Dada-Städten, verengt aber dennoch unnötig den Blick. Denn außer der Tatsache, dass sie Frauen waren (womit die Ausstellung wohl schon das titelgebende „anders“ begründet), verbindet diese Frauen viel weniger miteinander als mit den Männern, gegen die sie sich abgrenzten, mit denen sie zusammenarbeiteten, die sich von ihnen inspirieren ließen und umgekehrt.

          Besser als Hannah Höch, Sophie Taeuber-Arp und Elsa von Freytag-Loringhoven weitgehend kommentarlos zu einer Art Damenkränzchen zu vereinen, wäre es gewesen, sie mitten in die lebhafteste Unterhaltung mit ihren männlichen Antagonisten zu werfen – oder aber den Blick zu weiten auf die vielen Frauen, die sich auch noch DADA auf ihre Fahnen geschrieben haben.

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