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Mode in Comicstrips : Kleider machen komische Leute

  • -Aktualisiert am

Nicole Lambert: „Les Triplés: La robe vintage“ (erschienen in „Madame Figaro“ 2009) Bild: chez l’auteur

Die „Garstige Lulu“ und ihre adretten Geschwister: Das Musée de la bande dessinée in Angoulême widmet sich der Mode in Comicstrips.

          4 Min.

          Fashionistas wissen es: Yves Saint Laurent hat 1967 ein Comicbuch veröffentlicht, das „La Vilaine Lulu“ heißt. Die vierundzwanzig Kurzgeschichten, die das Bändchen enthält, waren rund zehn Jahre früher entstanden, als der blutjunge Couturier für das Haus Dior arbeitete. Einer seiner Kollegen dort travestierte sich zum Ergötzen der anderen nach Feierabend gern mit langen schwarzen Socken, rotem Ballettröckchen und Gondoliere-Hut zur Klamauk-Kreatur. „Klitzeklein und fast angsteinflößend mit seinem sturen, verschlagenen Gesichtsausdruck, machte er großen Eindruck auf mich“, erinnerte sich Saint Laurent. So entstand die „Garstige Lulu“, ein Gör ohne Gott noch Gesetz, das stiehlt, mordet und andere kleine Mädchen an Ölscheichs verkauft.

          Mehrfach neu aufgelegt, hat das Bändchen im Internet eine Koalition aus Kanzelschwalben, paranoiden Kinderschützern und Kleininquisitoren aus der rechten Schmuddelecke auf den Plan gerufen, die mit Kruzifix, Knoblauchkette und der verbalen Kalaschnikow gegen das vermeintlich satanische Werk zu Felde ziehen. Die Lektüre ihrer mit dem Copy-and-Paste-Verfahren aus verschwörungstheoretischen Websites zusammengestückelten Bannflüche macht im Umkehrschluss klar, was „La Vilaine Lulu“ tatsächlich ist: ein derb-anarchistischer Jux für „sadistische und fortgeschrittene Kinder“ (Saint Laurent) – alles, nur nicht bierernst.

          Knallrotes Tutu des Schreckens: Yves Saint Laurents Originalzeichnung der „garstigen Lulu“ im Zoo von 1956

          Ohne Françoise Sagans Fürsprache wäre der Comic wohl dem Freundeskreis des Couturiers vorbehalten geblieben – für den Rest der Welt kein künstlerischer Verlust. Doch der Band ist aus einem anderen Grund von Interesse: Es handelt sich um den einzigen Comic aus der Hand eines großen Modeschöpfers. Als solcher nimmt „La Vilaine Lulu“ einen Ehrenplatz in der ambitionierten Schau ein, die das Musée de la bande dessinée in Angoulême jetzt dem Thema „Mode und Comic“ widmet.

          Das erste der sechs Kapitel der Schau stellt Zeichnungen von Comicschöpfern solchen von Modedesignern gegenüber. So hängt neben Entwürfen von Saint Laurent eine Seite aus Nicole Lamberts Serie „Les Triplés“, die die Mutter der titelgebenden Drillinge im legendären „Mondrian-Kleid“ des Autors von „La Vilaine Lulu“ zeigt. Lambert, deren herzige Blondschöpfe die gutbürgerlichen Leserinnen von „Madame Figaro“ seit 1983 entzücken, war in den Sechzigern selbst Model gewesen. Sie und Saint Laurent sind ideale Galionsfiguren für eine Schau über die wechselseitige Befruchtung von Comic und Mode.

          Sonia Rykiels „Bécassine relookée“ (2005)

          Deren direkteste Erscheinungsformen beleuchtet das zweite Kapitel. Zum einen haben etliche Comicautoren Illustrationen für Modepublikationen geschaffen. Bevor er mit der Serie „Blake und Mortimer“ berühmt wurde, malte Edgar P. Jacobs in den vierziger Jahren geleckte Gouachen für Brüsseler Kleiderkataloge. Vier Jahrzehnte später zeichnete Lorenzo Mattotti mit Buntstift und Pastell Modelle von Ferragamo, Gaultier und Viktor & Rolf für „Cosmopolitan“, „Glamour“, „Vanity Fair“ und andere. Jean-Claude Floch, bekannt als „Floc’h“ entwirft bis heute für das Herrenmagazin „Monsieur“ hintergründige Titelseiten mit surrealistischem Einschlag.

          Zum anderen haben viele Designer Kleidungsstücke geschaffen, die sich direkt auf Comics beziehen. Das gilt für Castelbajacs Snoopy-Röcke wie für Thierry Muglers nachtschwarzes Catwoman-Ensemble, bestehend aus einem Cape aus Strickstoff über einem Catsuit aus gepolstertem Vinyl mitsamt Lack-Gürteltasche und Kapuzen-Maske. Moschinos „Olive Oyl“-Halstücher stechen hier insofern heraus, als sie die Bohnenstange an Popeyes Seite nicht nur in ihrem originalen Outfit abbilden, sondern auch in zehn ikonischen Modellen von Chanel, Courrèges, Lacroix und anderen. Noch weiter ging eine Handvoll heutiger Stilisten, als sie 2005 der französischen Comicfigur Bécassine zu deren hundertstem Geburtstag eine zeitgemäßere Garderobe auf den Leib zeichneten. So verwandelte Sonia Rykiel die bretonische Magd in eine Bohème-Piratin mit flammend rotem Kunstpelz-Rock und Napoleonshut, während Nathalie Garçon die verzopfte Frau gleich doppelt aufpeppte: zur Manga-Kreatur und Hiphop-Lolita.

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