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Franz West in Köln : Endlich zwei gute Skulpturen

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Wenn man Neurosen sehen könnte, wären sie zahnprothesengummirosa wie seine Kunst: Das Kölner Museum Ludwig zeigt das Werk des Künstlers Franz West. In der Ausstellung „Autotheater“ muss der Besucher mitmachen und soll sich sogar ausziehen.

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          Franz West gehe es vor allem darum, zu „unterlaufen“ (den Kunstbetrieb, das Ausstellungswesen) oder „Grenzen zu überschreiten“ (zwischen Kunst und Design, Kunst und Leben, Funktionalität und „Autonomität“), war am Eröffnungstag seiner Kölner Ausstellung zu hören. Die breit einsetzbare Versatzstückprosa schien dem österreichischen Künstler nicht neu zu sein. Im Museum Ludwig neu und ungewohnt ist indes eine kleine schwarze Hand. Sie taucht an denjenigen Objekten von West auf, die benutzt werden dürfen - oder sollen, nach seinen präzisen Gebrauchsanweisungen, wie man sie etwa vor seiner 1989 entstandenen Installation lesen kann: „Treten Sie hinter den Paravent, entkleiden Sie sich und legen das Gewand auf den Sessel. Bleiben Sie circa fünf Minuten so und verhalten Sie sich nach eigenem Ermessen. Um nicht gestört zu werden, wenden Sie sich bitte vorher an den Saalwächter. Er wird andere Besucher darauf hinweisen, dass dieses Objekt besetzt ist, und sie fernhalten.“

          Ob viele Kunstfreunde der freundlichen Einladung während der Ausstellung mit ihrem programmatischen, auf die aktive Beteiligung des Publikums hoffnungsvoll zielenden Titel „Autotheater“ folgen werden, bleibt abzuwarten: Selbst für enthusiastische West-Anhänger dürfte es nicht sehr verlockend sein, sich mitten im kalten Winter nackt hinter einen Paravent zu stellen, zumal derzeit ja ziemlich viel aus- und anzuziehen wäre.

          Partitur für Gesten

          Beim „Auto Sex“, einer offenen Installation mit der zweieinhalb Meter hohen transparenten Spiegelfolie zwischen zwei West-Stühlen, wird die Schar der Besucher, die hier als Benutzer mit ihrem eigenen Spiegelbild agieren möchten, ähnlich mühelos überschaubar bleiben, wenn auch aus anderen Gründen als beim Paravent. Gleichwohl ist „Auto Sex“ ein faszinierender Anblick, selbst für arglose Betrachter. Sichtbar wird hier auch eine von Wests Kollaborationen mit anderen Künstlern. So stammt die spiegelnde Riesenfolie von Heimo Zobernig, und nebenan in der „Kabine“ mit Passstücken und dazugehörigen „Handlungsanregungen“ per Video ist Michelangelo Pistoletto mit einem Spiegel klassischer Art vertreten.

          Franz Wests rätselhafte Passstücke, die er 1974 zwecks plastischer Erweiterung des menschlichen Körpers als benutzbare Objekte (aus Papiermaché und Gips, später aus Polyester) entwickelte und 1981 auf Einladung von Kasper König in der „Westkunst“-Ausstellung in Köln zeigte, laden seither zu immer neuer Interpretationsartistik ein. Schlicht und einleuchtend hingegen formuliert der Künstler, die Passstücke seien entstanden aus dem Bedürfnis heraus, Skulpturen zum Angreifen zu produzieren, nicht nur zum Betrachten und zur Kontemplation. Ein Passstück wird für West jedoch erst dann zum Kunstwerk, wenn ein passiver Betrachter sich in einen aktiven Benutzer verwandelt und das Objekt gleichsam zu einer „Partitur für Gesten“ wird. Es sei ähnlich wie bei einem Bühnenbild, sagt er, das schaue man sich auch nicht als solches an, sondern mit den dazugehörigen Schauspielern.

          Getrocknete Fragmente

          Wenn man Neurosen sehen könnte, sähen sie so aus wie seine Passstücke, lautet sein bekanntestes Zitat: Der Wiener Künstler, ein sculptor doctus, pflegt naturgemäß einen jedoch nicht ironiefreien Gedankenumgang mit Sigmund Freud, aber auch mit Wittgenstein oder Deleuze und anderen Philosophen. Zur Aktionskunst seiner Heimatstadt hat der 1947 geborene Sohn einer Zahnärztin (daher stammt vielleicht seine Vorliebe für die Farbe Zahnprothesengummirosa) und eines Kohlenhändlers aber offenbar ein eher distanziertes Verhältnis. Nach autodidaktischen Anfängen studierte er bei Bruno Gironcoli an der Wiener Kunstakademie. Bald folgten erste Ausstellungen, mehrfach war er bei den „SkulpturProjekten“ in Münster, der Biennale in Venedig, der Documenta in Kassel präsent mit seinen Werken, die sich auch in großen internationalen Museen befinden.

          Als getrocknete Fragmente eines österreichischen Barocks der Seele und des Geistes hat Harald Szeemann die wulstartigen, unfertig wirkenden, offenbar nicht für die Ewigkeit bestimmten Skulpturen von West bezeichnet. „Ergebnis“ heißt ein blaues, elegant geschwungenes viereinhalb Meter hohes Riesenband mit zwei Sitzen, das aus dem unteren Belvedere in Wien kommt. „Endlich zwei gute Skulpturen“ verspricht ohne falsche Bescheidenheit der Titel von zwei üppigen, von der Decke hängenden Gebilden, in Rosa und Blau, samt Hocker und Plakatentwurf. Und Franz Wests prächtige Diwans, die bei der Documenta IX eine vielbewunderte Premiere hatten, sind auch hier ein Anziehungspunkt für ermattete Besucher.

          Hundert Stühle und fünfundzwanzig Tische

          Seine ebenso phantasievollen wie bizarren Stühle sind autobiographischen Ursprungs: Bei einer eigenen Vernissage sehnte er sich plötzlich heftig nach einer leider nicht vorhandenen Sitzgelegenheit und widmete sich seither mit Verve diesem Thema, wie die Stahl-Sessel mit den schönen Namen „Bellini“ und „Rembrandt“ in der Ausstellung belegen. Dauerbesitz des Museums Ludwig ist Wests hundert Stühle und fünfundzwanzig Tische umfassende Installation namens „Kantine“. Ein Titel, der diese Funktion exakt beschreibt und zugleich als die angeblich weibliche Form von Kant auf den Philosophen und seine Thesen zur Kunst in der „Kritik der Urteilskraft“ verweisen soll. Manchmal gibt es hier sogar beziehungsreiche Königsberger Klopse.

          Als Maler überzeugt West allerdings nicht so recht, was zumindest sein Bild „Parsifal mit Kundry und Klingsor“ nahelegt, das er für den eisernen Vorhang in der Wiener Staatsoper schuf. Umso sehenswerter sind seine Miniaturmodelle für Außenskulpturen. Und zu den witzigen Werken gehört eine hohe, in einem alten Besenstiel endende Skulptur, deren Titel „Deutscher Humor / German Measles“ wir natürlich nicht persönlich nehmen wollen. Es ist eine seltsame und skurrile Welt, die Franz West hier zur Schau stellt, die mit ihrer Lust an der Ironie beinahe an ein Satyrspiel zu den Tragödien unserer Gegenwart denken lassen könnte. Doch die Katharsis bleibt noch aus.

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