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Gruppenschau zu Franz West : Jeden Morgen ein Spiegelei für die Skulptur

  • -Aktualisiert am

Franz West arbeitete am liebsten gemeinsam mit Freunden. Was dabei herauskam, präsentiert jetzt das Wiener 21er Haus in einer bunten und unterhaltsamen Gruppenschau.

          Viereinhalb Jahre ist es her, dass Franz West starb, charismatisches Energiezentrum der Wiener Kunstszene und jedes Kneipenabends, der kein Hehl daraus machte, dass seine Ideen im Dialog mit seinen Freunden, Atelierassistenten, Galeristen und sogar Sammlern entstünden. Postum realisiert nun das 21er Haus eine Idee, aus der zu Lebzeiten nichts wurde: den „Artistclub“.

          1999 gab West in einem Fax die Absicht kund, einen solchen Artistclub zu gründen. Am Ende jener kunstmarktschwachen Dekade, in der DJs in Galerien auflegten, in Museen gekocht wurde und Ausstellungen in Privatwohnungen stattfanden, wollte sich der Künstler mit Gleichgesinnten zusammentun. Aus dem Plan wurde nichts, denn im Kunstboom der zehner Jahre war West dann international sehr gefragt.

          Ein Klub ohne Einlassbeschränkung

          Die Schau ist ein amüsanter Parcours durch Arbeiten, die der Künstler in Kooperation mit anderen entwickelt hat. Entstanden ist eine sinnliche Schau, ein Klub, der keinen Mitgliedsausweis erfordert und in dem selbst Kinder herumlaufen, Skulpturen berühren, auf Bänke klettern oder durch Händeklatschen bunte Lampen aktivieren können. So leichthändig wie in diesem Clubsetting samt Bar, Dancefloor und Séparées wurde der Freudianer unter den österreichischen Künstlern hierzulande selten präsentiert.

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          Jeden Morgen dasselbe Prozedere: Ein Koch liefert ein frisches Spiegelei, welches das Saalpersonal auf einer Skulptur in der aktuellen Ausstellung plaziert. Bei der Bodenplastik handelt sich um einen jener farbig bemalten Brocken, die Franz West mit Vorliebe aus Pappmaché herstellte. „Fried Eggs“ zählen hingegen zum künstlerischen Vokabular der Britin Sarah Lucas. Ein Selbstporträt mit zwei Spiegeleiern auf den Brüsten festigte 1996 ihren Ruf als Bad Girl der zeitgenössischen Kunst.

          Beim Betreten der Ausstellung stechen als Erstes Vorhänge mit Schachbrettmuster in Rosa und Neongelb hervor. Für diesen Wandbehang haben West und sein Kollege Anselm Reyle ihre Lieblingsfarben, man sagt auch „signature colours“, zusammengewürfelt. Die beiden hatten sich in Venedig kennengelernt und dort die Idee entwickelt, sich gegenseitig Reste aus ihrer Atelierproduktion zur Weiterverarbeitung zu schicken. Für ihr Ausstellungsduett „Stolen Fantasy“ im Schinkel Pavillon 2012 entstanden auf diese Weise Bilder und Skulpturen ebenso wie aus Holzleisten und Neonröhren gefertigte Leuchtobjekte, Möbel und eine Bar.

          An der nach außen gewendeten Küchenwand hängen die Werke befreundeter Künstler. Links die Kastrationsdarstellung Otto Muehls. Bilderstrecke

          Vor einer Koje am Boden liegen drei jener legendären „Passstücke“, wie sie der Wiener Künstler seit Mitte der siebziger Jahre aus Gips und Metallstäben produzierte. Diese organisch geformten Plastiken orientierten sich am Körper und waren dafür gedacht, in die Hand genommen zu werden. Das kann tendenziell etwas peinlich aussehen, die Passstücke sind auch gar nicht besonders leicht. Wer sich dafür lieber zurückziehen möchte, kann das in der 1996 von Michelangelo Pistoletto eigens dafür entworfenen Kabine mit Spiegeln tun. 

          Mit Humor gegen gesellschaftliche Zwänge

          Eines wird in der Schau schnell offensichtlich: Gemeinschaftsarbeit hin oder her, Wests Humor und seine Formensprache bleiben auch in seinen kollaborativen Projekten Trumpf. Der Einzige, der echt dagegenhielt, scheint sein Freund Heimo Zobernig zu sein. So lässt ein Kreis aus weiß bemalten Stühlen an die Documenta X denken, bei der die beiden Amigos 1997 die Cafeteria gestalteten. In Kassel sorgte West bereits 1992 mit seinen „Diwans“ für Furore. Die Besucher konnten sich auf diesen nicht wirklich bequemen Liegen, deren Teppichauflage an Sigmund Freuds Couch erinnert, von den Strapazen der Kunstbetrachtung erholen. Im Jahr 2011 kreierte West auf Einladung der Biennale von Venedig eine Installation für das Arsenale. Für seinen gelungenen Beitrag „Extorsion“ räumte der Preisträger des Goldenen Löwens die normalerweise in seiner Küche hängende Kunst ab und präsentierte sie an den bemalten Außenwänden seines Videopavillons. Die nach außen gekehrte Kabinettausstellung mit 43 Gemälden, Zeichnungen, Fotos und Objekten von West und Künstlerfreunden wie Mike Kelley, Urs Fischer oder Gelatin umfasst auch einen Siebdruck mit einer Kastrationsdarstellung des Aktionisten Otto Muehl. West hat in den siebziger Jahren einige der exzessiven Performances dieses Tabubrechers miterlebt, wollte mit Muehl & Co. aber nichts zu tun haben. In späteren Interviews erklärte er, wie sehr ihn der autoritäre Habitus des Wiener Aktionismus abgestoßen habe. Der Theatralität und Rausch keineswegs abgeneigte Sohn überzeugter Sozialisten suchte in der Kunst eine Auszeit von gesellschaftlichen Zwängen und keine Ersatzreligion.

          Es ist dieser Geist der Boheme, der in der aktuellen Ausstellung verführt, auch wenn sie die rauheren Seiten Wests wie seinen Hang zum Analen und zum Pornografischen unter den Tisch fallen lässt. Und so überkommt einen vor den bleifarbenen Wänden der Installation „Moonlight“, die der Künstler gemeinsam mit seiner im März dieses Jahres nur vierundvierzigjährig an Krebs gestorbenen Ehefrau Tamuna Sirbiladze erdacht hat, eine melancholische Stimmung. Nur eine einzelne Glühbirne – ein „russischer Luster“, wie der Wiener sagt – wirft darin Licht auf ein Paar silberfarbener Chaiselongues.

          Für eine Zusammenarbeit mit Douglas Gordon hat der philosophisch versierte Wiener 2003 über zwei seiner Diwans den paradoxen Satz „Every time you think of me, we die, a little“ geschrieben. Wie aus dem „Ich“ ohne Selbstaufgabe und Dominanzgehabe ein „Wir“ entsteht, hat er uns allemal gezeigt.

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