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Franz Marc-Ausstellung : Blaue Blume, rote Katze, schwarze Marie

Das Öl-Gemälde „Frau am Meer“ von 1907 des Malers Franz Marc hängt über seinen Skizzen in einer Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums. Bild: dpa

Aus dem Notizheft des Lebens: Das Werk Franz Marcs ist viel reicher als gedacht, wie eine Ausstellung beinahe aller seiner Skizzenbücher in Nürnberg momentan belegt.

          4 Min.

          Franz Marc gilt seit seinem Tod im Alter von sechsunddreißig Jahren als frühvollendetster Künstler der Moderne. Bereits 1916 vor Verdun gefallen, scheinen vom kurzen Leben des 1880 in München Geborenen nicht viel mehr als drei Dutzend Ölgemälde in den Sammlungen weltweit zu zeugen. Die gelben, blauen und roten Pferde, Rehe oder Wölfe sind gesuchte und gut gehütete Schätze in den Museen, für die Marc-Liebhaber weite Reisen auf sich nehmen. Nun gibt es in der Mitte Deutschlands im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg eine Ausstellung, die nicht weniger als 26 von insgesamt 32 Skizzenbüchern des Künstlers versammelt.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie kommt das Haus zu einem derart reichen Bestand des raren Malers? Marc, der bedeutendste „symbolische“ Expressionist in Deutschland und 1912 Mitherausgeber des Almanachs „Der Blaue Reiter“, gehört unstreitig zum festen Kanon der deutschen Kunstgeschichte, den zu sammeln Auftrag des Germanischen Nationalmuseums ist. Entsprechend erwarb das Museum 1982 aus dem im Besitz Maria Marcs befindlichen (und über die Jahre um einige wertvolle und gut verkäufliche Tieraquarelle erleichterten, manche würden sagen: gefledderten) Nachlass des Künstlers mit den 26 Skizzenbüchern und Briefen im Grunde fast alles, was von Marc auf Papier erhalten ist.

          Hockende weibliche Aktfigur, 1906/07, aus dem Skizzenbuch II, Bleistift, laviert,ca. 29,2 x 20 cm

          Mit 603 Zeichnungen bildet das nun anlässlich einer Restaurierung einmalig auseinandergenommene Konvolut den umfangreichsten Bestand in seinem zeichnerischem Werk. Die Hefte datieren von 1904 bis 1913/14 und sind nicht weniger als ein gezeichnetes und aquarelliertes Tagebuch über eine gesamte Dekade. Neben Akten, Porträts, Landschaftsstudien und Kompositionsentwürfen für spätere Gemälde enthalten sie Einkaufslisten für Toilettenpapier, Spezialwerkzeug wie Marmorbohrer und die von Marc so geliebten Obstkonserven ebenso wie Zugtabellen und poetische Projektskizzen für diverse Märchenillustrationen. Nicht zuletzt zeigen uns die Vorher-Nachher-Einträge seines Annus mirabilis 1912, in dem er aus Ausstellungen erstmals gut verkauft, dass sich die Preise für seine Bilder in kürzester Zeit annähernd verdoppelt haben.

          Besonders wertvoll ist dabei, dass Marc seine Reisen durch die Innen- und Außenwelt bildlich fasst und damit einen bislang ungekannten Einblick in seinen künstlerischen Werdegang liefert – von den Studienjahren an der Münchner Akademie der Bildenden Künste bis zur Gründung des Blauen Reiters mit Kandinsky und anderen. Deutlich wird so eine jahrelange Zerrissenheit und Auseinandersetzung mit den verschiedensten Strömungen der Moderne, vor allem Van Gogh, Gauguin und den französischen Fauvisten um Matisse. Denn obwohl Marc heute mit seinen futuristischen Tierbildern selbst als Inbegriff der Avantgarde gilt und etwa der große Tierbildner Ewald Mataré ohne Marcs Abstraktionen ebenso wenig denkbar wäre wie sein Schüler Joseph Beuys, steht Marc selbst auf den Schultern von Giganten. Die Schau bietet eine zuvor schlicht nie möglich gewesene Spurensuche von Einflüssen und Bezügen in seinem Leben. Als Mosaik zusammengelegt ergeben alle dreihundert gezeigten Zeichnungssteinchen ein erheblich vollständigeres – und damit seriöseres – Gesamtbild des stilistisch keinesfalls einheitlichen Künstlers.

          Aufgeklappter Mikrokosmos: Marcs „Blauer Wolf auf rotem Oval“ in Skizzenbuch XXVI, 1912/13

          Die verblüffendste Erkenntnis: Tiere bilden beileibe nicht die Mehrzahl der visuellen Notate. Vielmehr überwiegen vom ersten Skizzenbuch bis 1911 klar die Aktzeichnungen. Stellenweise wie im Heft II von 1906 scheut der polyamoröse Künstler nicht davor zurück, mit den beiden Geliebten Maria Franck und Marie Schnür zusammen in den Urlaub zu fahren und sie nebeneinander nackt in Schielemäßigen Torsionen und Hockstellungen festzuhalten. Die nachmalige Maria Marc sollte diese Tage am Kochelsee später als „Tränenberg“ bezeichnen. Der zirkusbegeisterte Marc aber (Skizzentagebucheintrag: „Hagenbeck ist in München – dürfen wir nicht verpassen!“) feilt über Jahre in den Skizzen an noch akrobatischeren Verrenkungen, mit Vorbildern in den begeistert von ihm gesammelten Farbholzschnitten und Mangas von Hokusai und anderen Reduktionisten, mit Bezügen zu expressiven Ausdruckstänzerinnen wie Sent M’Ahesa, aber ebenso, wie mehrere Skizzenbucheinträge unzweifelhaft machen, zu Hans von Marees’ und Ferdinand Hodlers stark stilisierten Symbolkörpern. Auch viel mittelalterliche und byzantinische Volkskunst (mit seinem älteren Bruder Paul, einem Byzantinisten, besuchte er etwa 1906 die Klöster des Athos) sowie häufig verrenkte buddhistische, ägyptische und sassanidische Gottheiten zieht sich durch die mehr als fünfhundert Seiten.

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