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Plagiat-Ausstellung in Haarlem : Der Moderne beim Werden über die Schulter schauen

  • -Aktualisiert am

Vincent van Gogh: Postman Joseph Rau (1888) Bild: Museum of Fine Arts, Boston

Eine Ausstellung in Haarlem singt das Lob des Kopierens und der Hommage. Und sie lässt van Gogh, Courbet oder Monet neben dem Kultporträtisten Frans Hals geradezu moderat erscheinen.

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          Am 30. August 1880 trägt sich ein Kunststudent in das Besucherbuch des Städtischen Museums in Haarlem ein. Sein Name ist Singer Sargent. Der in Florenz geborene Amerikaner wechselt mit seinen Eltern regelmäßig den Wohnsitz in Europa. Gerade warten sie auf ihn in Paris. Man möchte zum Sonnenbaden an die Küste aufbrechen. Doch der Filius lässt auf sich ungewohnt lange warten. In einem Brief schreibt er, man möge ohne ihn fahren. Er brauche noch mindestens sieben bis zehn Tage. Die Begegnung mit dem Kultporträtisten Frans Hals übertrifft nicht nur seine Erwartungen. Sie löst einen regelrechten Kopierzwang aus, der sich erst erschöpft, nachdem sämtliche Bildnisse des Meisters bis ins kleinste Detail studiert worden sind.

          Der Geist einer ganzen Epoche

          Da wäre der Offizier, den Hals 1627 auf dem Gruppengemälde „Festmahl der Offiziere der St. Georg-Schützengilde“ mit voluminösem schwarzem Hut und weißem Halskragen in der rechten Ecke plaziert hat. Seine Mimik ist lebhaft, aber zugleich auch auf würdevolle Distanz bedacht. In seiner Gestalt scheint sich der Geist einer ganzen Epoche schnappschusshaft zu vereinen. Bei Sargent gerät nicht nur die Ausführung der Kleidung wie beiläufig skizzenhaft hingeworfen. Die Augen leuchten schalkhaft, und der Mund verrät ein breites Lächeln, das sich das Original verkniffen hatte. Statt der Erfassung der unmittelbaren Erscheinung triumphiert bei dem Groupie die von den französischen Impressionisten, allen voran dem Kunstkritiker Théophile Thoré-Bürger, wiederentdeckte Marke Frans Hals.

          Der Anfänger verkürzt sie auf die auffällig häufige Heiterkeit, die Hals den Regenten und Patriziern seiner Heimatstadt eingehaucht hatte, gleichzeitig aber auch Kinder aus den unteren Schichten, Betrunkene oder Prostituierte nicht aus den Augen verlor. Auf der anderen Seite scheut Sargent keineswegs die Ernsthaftigkeit des Alters. Seine Kopie von „Die Regentinnen des Altmännerhospiz“ trifft die Farbigkeit zwar nicht ganz. Verzichtet aber immerhin auf emotionale Zuspitzungen, konzentriert sich auf die raffinierte Lichtregie und die individuellen Züge der Dargestellten.

          Das Ergebnis muss ihn so beflügelt haben, dass er zwei der Damen über dem Bett in seinem Pariser Studio aufhängte, vielleicht als Rettungsanker für kommende Sackgassen. „Es ist hart jemand zu finden, der mehr über Malerei wusste als Frans Hals“, schrieb er anschließend enthusiastisch an seinen Freund Henry James über den Vorläufer, der so wenig den gerade geltenden akademischen Vorgaben entsprach. Die Meinung vertrat auch kein Geringerer als Vincent van Gogh. „Er malte Porträts und nichts – überhaupt nichts sonst“, staunte er, überwältigt von den 24 Schattierungen von Schwarztönen in den Bildern seines Landsmannes.

          Mitunter rührend unbeholfen

          Dass das barocke Vorbild mit dem flüchtig wilden Pinselstrich einiges auf den Weg brachte, veranschaulicht die 120 Werke umfassende Ausstellung „Frans Hals und die Modernen“ im Frans Hals Museum in Haarlem mit Sinn für Querverbindungen und verspielte Untertöne. Wo sonst kann man schließlich zwischen riesigen Fototapeten und narrativen Comic-Tafeln durch das Haarlem des neunzehnten Jahrhunderts lustwandeln und dabei einen der Zeit entsprechend eingerichteten Salon betreten, in dem die Anzahl von kunstgeschichtlich verbürgten Meisterwerken schwindlig macht? Dass man die mitunter rührend unbeholfenen Plagiate aus der Hand von Malerei-Titanen in direkter Nachbarschaft zu den aus zahlreichen Museen angereisten Vorlagen begutachten darf, ist gemein, macht aber auch den Reiz aus, der Moderne beim Werden über die Schulter zu schauen.

          Andere, wie etwa die finnlandschwedische Malerin Helene Schjerfbeck, begleitet man bei einem technisch gewaltigen Sprung nach vorne. Sie pilgert – zwischen 1862 und 1899 machten sich mehr als fünfhundert Künstler auf den Weg nach Haarlem, nicht wenige hinterließen eine Unterschrift im Gästebuch – zur Abwechslung in die St. Petersburger Eremitage. Hier verbringt sie Stunden vor der Staffelei, um Auftragskopien anzufertigen, darunter auch von „Der Mann mit dem Schlapphut“, den sie rund 250 Jahre nach seiner Entstehung mit beinahe makelloser Perfektion zu neuem Leben erweckt.

          Bei den meisten Verehrern war die Verbindung zu dem Vorläufer vorübergehend. Gustave Courbet begnügt sich 1869 damit, „Malle Babbe“, das Porträt einer geistig behinderten, Grimassen schneidenden Frau, routiniert nachzuahmen. Édouard Manet hingegen entwickelt eine Affinität, die über Jahrzehnte andauert und sogar in der Heirat einer Niederländerin gipfelt. Seine unzähligen Reisen nach Haarlem und Amsterdam hinterlassen natürlich Spuren. Sein Porträt „Le Bon Bock“ von 1873 lässt sich in Machart und Stimmung zweifellos als Hommage an Hals’ „Der fröhliche Trinker“ von 1628 verstehen. Die Gesichter stechen aus der zerfließenden Kleidung heraus, die Backen sind ähnlich überdeutlich gerötet, der Blick vom Alkohol entflammt, und der Hintergrund bleibt so vage, als gelte es, die Spontaneität des Moments nicht durch überflüssige Zeithinweise zu stören.

          Max Liebermann besucht das Museum mindestens fünfmal und fertigt mehr als dreißig Kopien an. Als gebildeter Importeur gestriger Eroberungen war es für ihn längst ein Muss, sich an der Kunst des Haarlemers zu orientieren, ebenso wie für Lovis Corinth, der sich sogar persönlich herausgefordert fühlte. „Hals, dieser Bastard, genau wie ich gemalt“, schrieb er im Sommer 1925 seiner Frau empört nach einem Ausflug nach Amsterdam. Der Eifersuchtsanfall kam ihn teuer zu stehen. Er fing sich eine Lungenentzündung ein und starb in dem Badeort Zandvoort.

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