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Hogarth-Ausstellung im Städel : Von den unteren Begehrungsvermögen

Lehrreiche und witzige Bildergeschichten über Rücksichtslosigkeit, Aufstiegswillen und entfesselten Konsum: Das Frankfurter Städel zeigt die „Laster des Lebens“ von William Hogarth.

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          Weshalb sollte man sich Bilder einer Gesellschaft anschauen, die seit mehr als zweihundert Jahren untergegangen ist? Gibt es dafür mehr als ein historisches Interesse? Das Frankfurter Städel beantwortet diese Frage jetzt mit einer bemerkenswerten Ausstellung von Druckgraphiken des englischen Malers William Hogarth, der 1697 geboren wurde und 1764 starb. Denn seine lehrreichen, raffiniert hergestellten und witzigen Werke lassen uns zweifeln, ob wir wirklich in einer anderen Gesellschaft leben. Oder besser: Sie lassen uns besser darüber nachdenken, was genau sich seitdem geändert hat.

          Fragen wir einmal so: Drogenmissbrauch, Escort-Service, Heiraten um der Karriere willen, Luxusleben, One-Night-Stands, Zocken am Spieltisch oder an der Börse, Gier, Ehrgeiz, Modeäffchen und Modepüppchen - soll man das alles moralisieren, oder gilt da nicht einfach: jeder nach seiner Façon, und wer kann, der kann?

          Der Erfolg scheinheiligte alle Laster

          Wir sind - in London um 1730. Die moderne Metropole zeigt, was in ihr steckt an sozialer Mobilität, an Indifferenz gegen Vorschriften, an entfesseltem Konsum, an Rücksichtslosigkeit, an Aufstiegswillen und an Abstiegsrisiko. William Hogarth zeichnete, malte, radierte und stach die ersten Bildgeschichten darüber. Seine Serien über „Das Leben eines Wüstlings“ (1735), „Die Karriere einer Hure“ (1731/32) und die „Heirat nach der Mode“ (1745) wurden europaweit bekannt, sogar auf Kaffeetassen und Sonnenschirmen druckte man sie nach.

          Sie zeigen eine Welt, in der moralisch abweichendes Verhalten üblich war, aber zugleich erbarmungslos sanktioniert wurde, wenn den Leuten die Finanzierung dafür ausging. Nur der Erfolg scheinheiligte alle Laster. Die protestantische Ethik und die Normalität einer Gesellschaft, in der jeder nach seiner Façon zum Teufel gehen konnte, fielen auseinander. Schuldturm, Irrenhaus, Selbstmord standen am Ende des ausschweifenden Lebens, an dem zugleich stets auch immer jemand verdiente. Wenn Hollywood sich heute dieser Dinge annimmt, ist es oft nicht viel anders.

          Ästhetisches Können in Massenware

          Aber an entscheidender Stelle doch. Hogarth spricht nicht zu Individuen, sondern zu einem ganzen Stand. Und er verzichtet auch nicht aufs Moralisieren. Denn er schildert die von Selbstbeherrschung, Selbstbetrug und Sichgehenlassen bestimmte Moderne in allen Details auch deshalb, weil er dem Bürgertum, das allein sich seine Blätter leisten konnte, dringend ein vorbildliches, tugendhaftes Leben anraten wollte. Der Weg von ihm zum Theater Lessings, der 1754 an der Übersetzung von Hogarths ästhetischer Schrift über die „Zergliederung der Schönheit“ mitwirkte, ist nicht weit. Die Geschichte vom Abstieg des Lasterhaften etwa, der verprasst, was der Geiz seines Vaters - Schraubzwingen mit einem „beware!“ waren sein Wappen - zusammengerafft hatte, ist eine Abfolge moderner Historienbilder, weil der Kampfplatz des Bürgertums nicht das Schlachtfeld ist, sondern das Heim, die Schenke, die Straße. Die Tugend sitzt nicht auf Pferden und streitet gegen feindliche Heere, sie sitzt an Tischen und sollte gegen die unteren Begehrungsvermögen kämpfen. Was aber weder den Gelehrten beim Punsch gelingt noch den Modenarren, Ehebrechern und Spielsüchtigen, die auf Hogarths Bildbühne stehen. Hogarth zeigt, wie ungleich im Streit zwischen Einsicht und Ego die Waffen sind. Ober- wie Unterschicht repräsentieren dabei das falsche Leben, weswegen bürgerliche Versuche, den Adel - seine Kleidung, seinen Lebensstil, seine Nonchalance - zu imitieren oder seine Töchter an die Sprösslinge zuschussbedürftiger Aristokraten zu verheiraten, nicht nur scheitern, sondern direkt in die Gosse oder ins Asyl führen.

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