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Matisse und Bonnard im Städel : Im Licht der französischen Riviera

„Vive la peinture!“ schreibt Henri Matisse im August 1925 auf eine Postkarte an seinen Freund Pierre Bonnard. Die großartige Ausstellung im Frankfurter Städel vereinigt Hauptwerke der beiden Maler.

          Zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Schaffen doch so eng miteinander verknüpft ist, begegnen sich von heute an im Städel. Sie sind zwei Protagonisten der europäischen Avantgarde: Henri Matisse, der sich mit federnder Leichtigkeit alles zutraut, was seine Inspiration hergibt, und Pierre Bonnard, der als ein Suchender seine Leinwände bearbeitet, bis er ihnen die Perfektion in seinen Augen abgerungen hat. Eine mehr als vierzig Jahre währende Freundschaft verbindet die Künstler in gegenseitiger Hochachtung, in Paris und dann im zauberischen Licht der französischen Riviera, an der beide sich schließlich niederlassen. Mit 120 Gemälden, Zeichnungen, Grafiken und einigen Skulpturen aus den großen Museen und Privatsammlungen der Welt ist ein Dialog eröffnet, vom Beginn des vorigen Jahrhunderts bis hin zum Ende des Zweiten Weltkriegs, der in dieser Intensität nie zuvor zu betrachten war.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Gemeinhin wird Pierre Bonnard, geboren 1867, als letzter Vertreter eines späten Expressionismus verbucht, der es in seinen Bildern nur so flirren lässt in pastelligen Tönen und beunruhigend zitternden Gefühlen. Henri Matisse, geboren 1869, gilt mit seinen farbstarken Kompositionen und seiner offensiven Zuwendung zum Betrachter als Wegweiser in die Abstraktion überhaupt. Die Ausstellung zeigt, nicht zuletzt in herrlichen Nebeneinanderstellungen, die weitgehende Willkür dieser Einteilung; das ist nicht ihr geringstes Verdienst. Beide halten lebenslang an klassischen Themen fest – dem Interieur und Stillleben, der Landschaft und freien Natur, schließlich dem zentralen Sujet des weiblichen Akts.

          Zur Einstimmung hängen im ersten Raum zwei Raritäten, beide in Privatbesitz und bisher niemals zusammengeführt, die Zeugnis ablegen von der engen Verbundenheit der Künstler: Matisse besaß sein Leben lang Bonnards umflortes Interieur „Abend im Wohnzimmer“ von 1907, während Bonnard „Das offene Fenster“ von Matisse aus dem Jahr 1911 bei sich hatte. Deutlicher könnten eingeschlossene Intimität und lichtdurchflutete Offenheit nicht aufeinandertreffen, im Wechselspiel der Temperamente. Ähnlich funktionieren zwei Selbstporträts: Matisse malt sich 1906, im gerade gewonnenen künstlerischen Selbstbewusstsein im gestreiften Pullover mit kühl abschätzendem Blick aus den Augenwinkeln. Bonnard, der übrigens schon früher, seit den Neunzigern des neunzehnten Jahrhunderts, kommerziell erfolgreich war, hält sich noch 1933 auf einem aquarellierten Selbstbildnis ganz in sich gekehrt fest, ohne Blickkontakt zum Betrachter, in skrupulösem Gestrichel, das eher den späteren Alberto Giacometti vorwegzunehmen scheint, als an Vorgänger anzuschließen. Die so ganz unterschiedliche Haltung zur Welt mag die Basis dafür gewesen sein, dass Matisse und Bonnard nicht in Idealkonkurrenz zueinander traten (wie später Picasso zu Matisse), sondern nicht nur zu gegenseitiger Anerkennung fanden, sondern – das zeigt die Schau auf überzeugende Weise – zu fruchtbarer Auseinandersetzung.

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