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Matisse und Bonnard im Städel : Im Licht der französischen Riviera

Matisse ließe sich, das ist ein großes Kompliment, als der begnadetste Tapetenmaler des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnen, der genialisch eine Mixtur von Mustern und relaxten Gefühlszuständen, draußen wie drinnen, im Handstreich verfertigt. Der Kunstmarkt honoriert solche Attraktivität mit Höchstpreisen, auch für kleine Formate. Im Städel ist die wunderhübsche „Odalisque au fauteuil noir“ von 1942 zu sehen, die im Juni 2004 in einer Londoner Auktion für knapp zehn Millionen Euro in amerikanischen Privatbesitz wechselte. Bonnard ist weniger der Typ Einrichtungsberater, eher das Farbgenie, darin gleichauf mit seinem Malerfreund und darüber hinaus für manche Liebhaber unerreicht im Zauber seines Zauderns, der zu wundervollen, atmenden Oberflächen führt. So wird der Raum der Schau mit den Stillleben und Naturdarstellungen zum delikaten Rausch von Farbe und Form, in dem beide Künstler ihre Virtuosität ausspielen. Das hat allerhöchste ästhetische Qualitäten, geht aber weit über schiere Kulinarik hinaus.

„Ehrlich, die Malerei ist schon etwas...“

Auch Pierre Bonnard hat gewusst, was er wollte, in aller Bescheidenheit: „Ich würde mich den jungen Malern des Jahres 2000 gerne mit den Flügeln eines Schmetterlings präsentieren“, schreibt er 1946, im Jahr vor seinem Tod, an den Freund Matisse. Das ist ihm schon früher gelungen, als der junge Balthus sich deutlich am Vorbild von Bonnards sehr speziellen Körper orientiert. Matisse’ Sohn Pierre wird übrigens Balthus als sein Galerist in New York versorgen. Was die Gemälde ausstrahlen, lässt sich an den Zeichnungen beider Künstler genau erkennen, die keineswegs als Beiwerk gelten dürfen: Während Bonnard auf den Blättern winziger Notizbücher herumstrichelt und -friemelt, fährt Matisse mit selbstsicherem Strich über die Fläche hin. Und spätestens wenn er auf sparsamste Art Blumen in einen Topf steckt, auf dem „Tabac Royal“ steht, ist klar, wo der frühe Andy Warhol bis zur Verwechselbarkeit anschließt (eben als Zeichner anfangs der Fünfziger, als Matisse gerade noch lebt).

Schon Matisse’ scheinbare Unfertigkeit in frühen Bildern, wenn er etwas wie eine Vorzeichnung auf der weißen Leinwand einfach stehenlässt, weist seine Modernität aus, die unbekümmert um die kanonisierten Regeln des „fertigen“ Tafelbilds einfach aufhört, wo es ihr gefällt. Endlich ist die Freiheit, die der späte Matisse gewinnt, atemraubend. Er verfällt nicht in erotomanische Observationen (wie sein jüngerer Konkurrent Picasso im Alter), sondern er findet zur formalen und farblichen Gelöstheit der papiers découpés, eben zur radikalen Reduktion seiner Scherenschnitte. Edles Beispiel dafür ist die „Jazz“-Mappe aus den vierziger Jahren, die ebenfalls dem Städel Museum gehört. Die Ausstellung ist eine Feier der Schönheit – wem das nicht reicht, der kann sie zudem als Anschauungsmaterial für begnadetes Könnens nehmen. „Ehrlich, die Malerei ist schon etwas, vorausgesetzt, dass man sich ihr vollständig hingibt. Ich glaube, dass wir uns in diesem Punkt einig sind“, schreibt Bonnard an Matisse im Jahr 1933.

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