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Matisse und Bonnard im Städel : Im Licht der französischen Riviera

Wechselspiel auf Augenhöhe

Die Ausstellung ist mit respektvoller Distanz für die einzelnen Werke gehängt, immer wieder entsteht die Nähe zwischen den Künstlern, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Die Kuratoren Felix Krämer und Daniel Zamani haben sich einen Parcours entlang der einzelnen Themen ausgedacht, der so unaufdringlich wie zielstrebig dieses Wechselspiel auf Augenhöhe verfolgt, angefangen von den Interieurs bis hin zu den Aktdarstellungen. Dabei wird der kardinale Unterschied erkennbar: Der Blick von Matisse geht stets ins Offene, aus den Fenstern und Balkonen der Interieurs hinaus, in die Weite der Gärten, die unter der Sonne der Riviera gedeihen. Und selbst wenn Matisse eines seiner Modelle einmal ein bisschen versonnen gucken lässt, ist außenherum bunter Stoff, und von draußen fällt das Licht der Côte d’Azur herein.

Bei Bonnard ist alles auf das Innere konzentriert, fast immer entsteht ein klaustrophobisches Gefühl in den Räumen, in denen eine ambigue Melancholie schwebt, ein unaufgelöstes Geheimnis. Unbeschwertes Glück sieht anders aus, selbst wenn Bonnards Farbmagie, anders lässt sich seine Kunst nicht nennen, noch so herrlich leuchtet. Selbst dort, wo Fenster und Türen offenstehen, scheinen die Balustraden den Weg ins Freie zu verbarrikadieren, oder die Rippen eines Heizkörpers schieben sich davor. Befremdlich angeschnitten, erscheinen Figuren im Vordergrund, blicklos nicht selten, mit verwischten Gesichtern, und selbst die Katzen scheinen diese Befangenheit zu empfinden. Beide, Bonnard wie Matisse, klappen ihre Räume in die Fläche, als gäbe es keine Perspektive. Während aber Matisse seine Tischplatten mit allem, was darauf eigentlich zu stehen oder liegen hat, dem Betrachter fröhlich entgegenkippt, baut Bonnard damit weitere Schranken auf.

Ein Rausch von Form und Farbe

Beide sind absolute Meister auf dem Feld der Aktmalerei – und auch dort, bei aller atmosphärischen Differenz, wird diese hohe Aufmerksamkeit spürbar, mit der jeder das Schaffen des anderen verfolgt. Für Matisse scheinen sich die Modelle, die er zu seinen berühmten Odalisken drapiert, entspannt hinzubreiten (tatsächlich hat er meist in der Gegenwart eines Modells gearbeitet). Bonnard dagegen arbeitet aus der erinnernden Phantasie, nach zuvor gemachten Skizzen, und unendlich oft ist es seine (auf den Bildern in ewiger Jugend arretierte) Frau Marthe. Immer wieder hält er sie nackt im Badezimmer oder in der Enge einer Badewanne liegend fest; seltsame Gedanken an Ophelia beschwört das herauf. In der Schau ist Bonnards phantastischer „Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund“ von 1909, der dem Städel gehört, zu Matisse’ buchstäblich überwältigendem orangefarbenem „Großen liegenden Akt“ von 1935 gesellt, der – das ist charmant – in seiner endgültigen Fassung ebenfalls vor blauer Fläche mit weißem Überkaro lagert – vielleicht inspiriert von Bonnard. Und als wolle er demonstrieren, dass auch er sich mit seinem Sujet abmüht, hat Matisse die Metamorphosen seines Gemäldes über ein halbes Jahr hin fotografisch dokumentiert.

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