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Richard Gerstl in Frankfurt : Ich ist zwei andere

Von nur sechzig überlieferten Werken sind in der Schirn tatsächlich 53 Arbeiten versammelt, darunter mehr als ein Dutzend gemalte oder gezeichnete Selbstporträts. Zu Gerstls Lebzeiten sind nie Gemälde von ihm ausgestellt worden. Ein Angebot dafür schlägt er aus, weil er nicht mit Gustav Klimt gemeinsam gezeigt werden wollte. Scharf distanziert er sich von den herrschenden Bildwelten. Demonstrativ bricht er mit der Wiener Vorliebe für das Ornamentale, Schmückende. Darin geht er viel weiter als der sieben Jahre jüngere Egon Schiele es in seinem ebenfalls kurzen Leben tun wird, und ist weit radikaler als sein Kollege Oskar Kokoschka.

Der seelische Preis ist hoch

Dennoch wird Gerstl, wenn überhaupt, gemeinsam mit den Künstlern der Wiener Moderne erwähnt, eben Klimt, Schiele, Kokoschka. Er heißt dann gern der „erste österreichische Expressionist“. Seine Vorbilder lagen aber woanders, weit weg von Österreich, das waren die Franzosen, von Manet bis Vuillard, das waren Munch und ganz besonders Van Gogh.

Immer wieder blickt Gerstl sich selbst an, der Spiegel ist sein intimer Freund und Feind. Die vielen Selbstbildnisse sind Erprobungen seiner zerbrechlichen Existenz, in immer anderen Posen. Dieses selbstquälerische Moment, das dem Wiederholungszwang sehr nah kommt bei ihm, dient Gerstls Selbstvergewisserung – und zugleich heißt das: Schaut doch endlich auf mich, den Künstler, der anders ist! Einen unglückseligen Narzissten ließe er sich nennen. Der seelische Preis ist hoch, was er künstlerisch erreicht, ist eminent. Das zeigt die umwerfende Schau in der Schirn, deren Zumutungen und Ansprüche an die Betrachter Ingrid Pfeiffer als Kuratorin umsichtig dosiert hat.

Immer wieder hat Gerstl Mathilde porträtiert. Er kann sie einfach nicht schön sein lassen, er muss sie hässlich machen, ihre Formen nachgerade verzerren, sie in Aggression und Wut mit Farbe zuhauen. Auch die Deformationen Mathildes, als „Akt im Garten“ oder ganz spät als „Akt im Atelier“, hallen wider wie Schreie um Aufmerksamkeit. Im „Gruppenbildnis mit Schönberg“ von Ende Juli 1908 sehen Mathilde und Schönberg und die anderen vier Personen aus wie mit Säure übergossen. Das ist eine gestische Orgie, die auch über die Gesichter fegt – eine Auslöschung beinahe, unter dicken Farbschlieren. Die Assoziation mit dem Abstrakten Expressionismus erst ein halbes Jahrhundert später ist unvermeidlich.

Richard Gerstl lebte im denkbar gefährlichsten Dunstkreis jener familialen Konstellationen, die der Wiener Nervenarzt seinerzeit aufdeckte. Anders als Kokoschka mit seiner Alma-Puppe (zu sehen derzeit in der „Geschlechterkampf“-Ausstellung im Städel), rebellierte Gerstl direkt am Ort der Malerei. Doch er löckte nicht wider den Stachel gesellschaftlicher Übereinkünfte. Er arbeitete wie der Teufel gegen die künstlerische Konvention. In manchen seiner Bilder, in den Landschaften, aber auch den Innenräumen mit Personen, ereignen sich jähe Brüche auf ein und derselben Leinwand. Es ist, als kämpften im Maler zwei Stile auf der einen Fläche, mit ungewissem Ausgang. Zu besichtigen ist das dramatische Vermächtnis eines Einzelgängers.

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