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Jil-Sander-Ausstellung : Die Frau in Bewegung

Selbst ein Mann im roten Anzug sieht hier noch natürlich aus, wie die Models, deren Gesichtern Großaufnahmen gewidmet sind, und nur am Make-up (schwarze Balken über den Augen) oder am Zustand des ursprünglichen Filmmaterials (körnige Unschärfe, ausgebleicht) lässt sich hier und da erkennen, wie lange das teilweise her ist. Ansonsten scheint diese Höhle der Defilees der Zeit entrückt. Und das ist, da wir es mit Mode zu tun haben, die sich mindestens zweimal im Jahr erneuert, dann doch erstaunlich.

Was geht hier vor? Jedenfalls keine Retrospektive im Sinne einer Parade der Kollektionen seit 1973, sondern eine Ausstellung, die sich als gegenwärtig begreift. Das Museum hat dafür fast sein gesamtes Gebäude freigeräumt. Fast, weil es am Ende eines langen Gangs doch noch einen Raum mit etwas anderem gibt, nämlich eine Ecke für den Designer Dieter Rams. Was den Minimalismus seiner Entwürfe, seinen Anspruch an die Verarbeitung und Qualität angeht, hält er neben Jil Sander durchaus stand.

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Der Rest des Museums gehört ihr. Ein Backstage-Bereich wurde nachgebaut. Das Atelier. Einer ihrer flaghip stores. Ein Stockwerk gilt ihrer Zusammenarbeit mit dem Arte-povera-Künstler Mario Merz und dem Landschaftspark, den sie in Norddeutschland als englischen Garten angelegt hat. Eine Drohne ist über ihn geflogen und mit einem Film über zauberhafte Seen und Brücken und prächtige Bäume und blühende Büsche und gepflegte Rasenflächen zurückgekommen. Alles sehr erlesen, wie auch die Parfümserie und ihre von Peter Schmidt entworfenen Flakons. Auch die Natur, so scheint es, hat sich dem Gestaltungswillen und der Kontrolle von Jil Sanders unterworfen. Gegenüber der Leinwand mit dem Drohnenflug über Jil Sanders Parkanlage hängt das kleine "Paradiesgärtlein" aus dem Städel - ein zauberhaftes Bild eines unbekannten Meisters, dessen Bescheidenheit hier umso deutlicher ins Auge fällt.

Auf die Frage, welche Frau sie für ihre Mode im Kopf habe, sagte Jil Sander im Gespräch vor einigen Tagen: Mich! Sie habe immer entworfen, was sie selbst tragen wollte, was sie selbst brauchte und worin sie sich sicher fühlte auf ihrem Weg zur Konzernchefin, von der Kleidung über die Schuhe und Taschen bis zum Parfüm. Es gab, so legt die Entwicklung der Marke nahe, die so heißt wie sie, durchaus auch über ihre eigene Person hinaus Bedarf. Die Frau, für die Jil Sander entwarf, entwickelte sich sozusagen mit der Mode, die sie schuf. Die professionelle Frau. Die Frau, die mit kleinem Gepäck reist. Die Frau, die das Sagen hat, Macht ergreift und Einfluss gewinnt. Eine Frau, die aus der Dekoration heraustritt und Verantwortung fordert und übernimmt. All dies war, als Jil Sander zu Beginn der siebziger Jahre loslegte, noch keineswegs an der Tagesordnung. Heute ist es unser Bild der modernen Frau.

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Ist die Frau, die Kleidung und Duft von Jil Sander trägt (oder gern tragen würde), deshalb der Frau, die Jil Sander heißt, ähnlich? Wer könnte das schon sagen. Wer Jil Sander wirklich ist, spielt bei alldem keine Rolle, jedenfalls längst nicht mehr. Ja, die Frau, die Jil Sander trägt, hat Ähnlichkeit mit der Frau, die Jil Sander heißt. Aber die Ähnlichkeit bezieht sich einzig auf ein öffentliches Bild, auf das Foto, mit dem sie für ihre Marke warb und das wir jahrzehntelang mit ihrem Stil verbanden; es ist ein Bild, das mit ebensolcher Akkuratesse gestaltet wurde wie alles, was Jil Sander heißt - beziehungsweise hieß, solange Jil Sander das Recht am eigenen Namen noch hatte. 1999 ging die Mehrheit an ihrem Konzern an die Prada-Gruppe, inzwischen gehören die Marke und der Name einer japanischen Holding. Jil Sander ist eine Frau und gleichzeitig eine Abstraktion.

Was ist modern? In Bewegung sein. Die Grenzen fließend halten, Möglichkeiten eröffnen, Ballast abwerfen. Das alles tut die Mode von Jil Sander in erstaunlichem Maße. Erstaunlich, weil im Rückblick erst sichtbar wird, dass sich in diesen Kleidern eine Frau zeigt, die alles sein kann, machthungrig oder sachlich, träumerisch, für Momente verspielt, sinnlich, weiblich oder androgyn. Lässig immer. Eine allseits entwickelte Persönlichkeit.  

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