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Frankfurter Museen : Die Kunst des Wirtschaftens

  • -Aktualisiert am

Während das Frankfurter Städel Museum sechshundert Kunstwerke von der Deutschen Bank als Dauerleihgabe erhält, überlässt das Museum für Moderne Kunst sich einem plastikbunten Merchandising-Universum. Ist das die Zukunft der öffentlichen Sammlungen?

          Eine besondere Gleichzeitigkeit der Ereignisse führt gerade dazu, dass sich zwei große Frankfurter Museen die Frage danach stellen müssen, wie weit unsere öffentlichen Kultureinrichtungen gehen dürfen, wenn sie Sponsoring brauchen – und uns ihre Antworten innerhalb einer Woche vorstellen. Es funktioniert fast wie ein Modellversuch: zwei Direktoren, zwei Institutionen, zwei Antworten.

          Die beiden Einrichtungen sind, verteilt auf beide Seiten des Mains, das Museum für Moderne Kunst und das Städel Museum. Direktor Udo Kittelmann eröffnete in ersterem vergangenen Freitag die von der Gagosian Gallery bezahlte Ausstellung „© Murakami“; Max Hollein, Direktor des Städelschen Kunstinstituts und der Schirn Kunsthalle, gab gestern auf einer Pressekonferenz bekannt, dass sechshundert Werke der Deutsche Bank Sammlung als Dauerleihgabe seinem Haus übergeben worden sind.

          Aber warum dann nicht gleich schenken?

          Fangen wir mit der Kooperation zwischen Städel Museum und Deutscher Bank an: Mit mehr als 53 000 Werken besitzt die Deutsche Bank eine der weltweit größten Unternehmenssammlungen, und dass Max Hollein schon seit einiger Zeit ein Auge darauf geworfen hat, ist kein Geheimnis. Nun erhält das Städel also sechzig Gemälde und Skulpturen, 161 Arbeiten auf Papier und 379 Druckgrafiken, darunter Werke von Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, Martin Kippenberger, Anselm Kiefer oder Sigmar Polke. Die Konstruktion, die gefunden worden ist, heißt „Dauerleihgabe“, ein Wort, bei dem man in Frankfurt erst einmal zusammenzucken wird. „Dauerleihgabe“ nannte sich schließlich auch, was der Sammler und Immobilienhändler Dieter Bock Jean-Christophe Ammann, dem ehemaligen Direktor des Museums für Moderne Kunst, andrehte und nach fünfzehn Jahren wieder umstandslos aus dem Museum abtransportierte.

          Der Möglichkeit, die Sammlung wieder aus dem Museum abzuziehen, wurde im Fall des Städel ein doppelter Riegel vorgeschoben: Erstens, da der Dauerleihvertrag kein Kündigungsrecht vorsieht; und zweitens, da – derartige Verträge können rechtlich nur auf dreißig Jahre geschlossen werden – das Museum ein Vorkaufsrecht erhält, die Sammlung oder Teile davon zu einem Viertel des Verkehrswert zu erwerben, noch dazu in 25 zinsfreien Jahresraten. Aber warum dann nicht gleich schenken? Auch darauf gibt es eine Antwort: Bei einer Schenkung müsste die Deutsche Bank den Sammlungswert aus den Bilanzen streichen, immerhin etwa zwanzig Millionen Euro, was keine Bank, schon gar nicht jetzt, freiwillig tun wird. Außerdem wäre bei einer Schenkung die Umsatzsteuer fällig, eine Summe, die auch wieder finanziert werden müsste. Alles in allem wurde also eine für beide Seiten gute Lösung gefunden, die das größte Gut unserer öffentlichen Kultureinrichtungen wahrt: die Autonomie.

          Es dreht sich alles um Wachstum und Größe

          Anders verhält es sich derzeit am Museum für Moderne Kunst. Für die Dauer der Ausstellung wurde das Haus Takashi Murakami überlassen, der von dieser Plattform aus nun das plastikbunte Merchandisinguniversum seiner Firma Kaikai Kiki Co., Ltd. bewirbt und ein riesiges Corporate-Zeichen an die Fassade kleben durfte. Die Argumentationsfigur, mit der das Ganze verteidigt wird, lautet, dass der Unterschied von Kunst und Kommerz ohnehin aufgehoben sei, und eben dies führe eine solche Ausstellung mal ordentlich vor Augen. Man betrachtet sich also selbst in einem merkwürdigen Zustand der Dauerallegorie, in dem alles nur Zeichen oder Kommentar ist, nicht aber die Wirklichkeit selbst. Diese Flucht in eine Welt des Als-ob ist aber so überzeugend, als behauptete der Magistrat von Neapel, man habe den Müll in der Stadt liegenlassen, um die internationale Öffentlichkeit auf die Müllsituation hinzuweisen.

          Dass die Welt nicht schwarzweiß ist, das ist, nun ja, keine neue Erkenntnis. Bei allen Graustufen muss aber ein Gut im Blick behalten werden: die Autonomie des Museums. Traditionell ist das Museum der Ort, der Bedeutung schafft, eine Autorität, die im sorgfältigen Auswählen dessen besteht, was gezeigt oder in eine Sammlung aufgenommen wird. In der Museumslandschaft scheint sich aber ausgerechnet eine Ideologie auszubreiten, bei der es sich alles um Wachstum und Größe dreht – und damit der Geist, der die größten Kultursponsoren unserer Stadt gerade in eine weltweite Krise gestürzt hat.

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