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Video-Installation von Jeremy Shaw : Außenansichten von Innenwelten

Körper in Bewegung: Jeremy Shaw, Filmstill aus „Phase Shifting Index“, 2020 Bild: Kunstverein

Der Frankfurter Kunstverein zeigt die Film-Installation des Kanadiers Jeremy Shaw. Wer sich als Betrachter darauf einlässt, gerät selbst in Trance – ganz ohne chemische Substanzen.

          2 Min.

          Bilder zu finden für innere Vorgänge, Vorstellungen zu entwickeln für das Unbeschreibliche, nämlich psychische Zustände: Jeremy Shaw scheut keinen technischen Aufwand, um dieser selbstgesetzten Aufgabe eine sinnliche und die Sinne der Betrachter herausfordernde Form zu geben. Der Frankfurter Kunstverein hat seinerseits nicht gezögert, große Anstrengungen auf sich zu nehmen, um eine Arbeit zu präsentieren, die sich eines avancierten, ausgefeilten, komplizierten Video-Sound-Systems bedient und auch die Decken der Ausstellungsräume als Lichtinstallationen miteinbezieht.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Es gibt noch einige andere Werke des Kanadiers, die hier von heute, Freitag, an zu erleben sind. Zentrum der Schau, Teil des reduzierten Gastlandauftritts von Kanada auf der Buchmesse, ist jedoch die Mega-Film-Ton-Maschinerie mit dem Titel „Phase Shifting Index“. Auf sieben Videoscreens werden unterschiedliche Filme gezeigt, die am Ende synchron verlaufen und alle nach 35 Minuten und 19 Sekunden enden. Wer sichergehen möchte, dass er sich innerhalb dieses Mammutwerks, das sich über drei Geschosse erstreckt, bewegt, muss nur darauf achten, ob er noch auf der flauschigen grauen Auslegeware unterwegs ist. Sie begrenzt diese Arbeit gleichsam auf Bodenebene und bedeckt auch die Treppen zwischen den Stockwerken, wo sie zu sehen und zu hören ist.

          Zunächst meint man, es mit einer Dokumentation zu tun zu haben, gespeist aus Material der sechziger bis neunziger Jahre. So flimmert es schwarzweiß wie bei einem um 1965 aufgenommenen 16-Millimeter-Film, und die Menschen, die darauf zu sehen sind, haben auch Turnschuhe und Leibchen an, als praktizierten sie ihre gemeinschaftlichen Leibesübungen in jenen Jahren. Auf einem anderen Großbildschirm scheint eine Videokassette abgespielt zu werden, die dafür typischen Bildstörungen lassen es vermuten.

          Akteure erleben eine andere Wirklichkeit

          Und die Männer und Frauen darauf sehen aus wie aus einem Aerobic-Lehrvideo der Achtziger. Die Ekstase, in die sie alsbald geraten, widerlegt allerdings den Verdacht, wir hätten es hier mit Fitness-Bemühungen zu tun. Nein, überall in den Videos geht es bald wild zur Sache, die Akteure scheinen nicht mehr recht bei sich zu sein, sie erleben offenbar eine andere Wirklichkeit, Tänzerinnen und Tänzer, die in mystische Gefilde abdriften, Leiber in einer mit Corona ganz unvereinbaren Nähe zueinander und in Verbindung zu etwas Höherem, Religiösem, Spirituellem.

          Ein Rauscherlebnis. Eine Selbststeigerung. Der Körper, ein Vehikel auf dem Weg zu anderen Welten. All dies aber ist keine Dokumentation, es handelt sich nicht um historische Aufnahmen, und auch der Kommentar aus dem Off entstammt keiner Reportage. Die zahlreichen Akteure wurden sorgfältig gecastet, sämtliche Szenen beruhen auf einem Drehbuch, und auch der Sprecher hat eine Rolle: Er schaut aus dem 22. Jahrhundert auf die Versuche der Menschen herab, sich in einen transzendenten Zustand zu versetzen, der das Alltagsbewusstsein hinter sich lässt und in eine gewissermaßen überirdische, jenseitige Sphäre führt.

          Shaw arbeitet mit einer Ästhetik der Überwältigung, auch die elektronisch-psychedelische Musik hat er selbst geschrieben, der Soundtrack wechselt von Screen zu Screen. Von einer solch massiven Visualisierung der Hippie-Sehnsucht schlechthin hätte sich kein Nutzer von LSD oder anderen halluzinogenen Drogen, aber auch kein entrückter Anhänger des Maharishi einst träumen lassen. Zumal die Bewegungen der Körper irgendwann übergehen in eine knallbunte Abstraktion. Stroboskop-Effekte allenthalben, und schließlich beginnen eben auch noch die Decken zu leuchten. Shaws Werk ist eine präzise, perfektionistische Arbeit zum Thema Übergang, Grenzerfahrung, Dimensionenwechsel. Wer sich als Betrachter darauf einlässt, gerät selbst in Trance. Ganz ohne chemische Substanzen.

          Jeremy Shaws Video-Installation „Phase Shifting Index“ im  Frankfurter Kunstverein läuft bis 24. Januar 2021.

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