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Frankfurter Kunstprojekt : Glitzerding am Straßenrand

Der Frankfurter Roßmarkt ist zugig, leer und uninteressant. Eine Jury aus 25 Schülern hat den Künstler Tomás Saraceno dazu bestimmt, etwas mit dem Platz zu machen. Das Ergebnis ist deprimierend und endlos langweilig.

          4 Min.

          Was für ein großartiges Projekt. Und was für eine Enttäuschung. Aber bevor man über dieses spiegelnde, glitzernde Ding reden kann, das etwas verloren an einer Ecke des sehr leeren Frankfurter Roßmarkts liegt, als sei es ein geheimnisvolles, beim Steigflug abgefallenes Bauteil eines A380, muss man über die Gattung sprechen, zu der es gehört. Wir haben es hier mit „Kunst im öffentlichen Raum“ zu tun. Seit den siebziger Jahren wird systematisch und meist mit staatlichen Fördergeldern Kunst im Stadtbild verteilt - und die Hoffnung, die sich damit meistens verband, war klar: Die Kunst sollte nicht mehr Privileg einer bildungsbürgerlichen Schicht sein, sondern hinein ins Alltagsleben.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war der Plan. Und deswegen stellte man die Kunst meistens in die Problemzonen der Stadt. So tauchten auf undefinierten Grünflächen abstrakte Skulpturen, vor abweisenden Betonfassaden quietschbunte Reliefs auf - wo nichts passieren wollte, musste Kunst hin. Die lokale Kulturpolitik warf Kunstobjekte über der Ödnis ab, wie das Löschflugzeug eine Wasserbombe über einem Brandherd abwirft, und während klassische Reiterstandbilder noch die Leistungen angeblich bedeutender Figuren vor Augen führen sollten, führt die Kunst im öffentlichen Raum meistens nur vor, dass mit diesem etwas nicht stimmt.

          Nicht schon wieder „Kunst im öffentlichen Raum“

          Natürlich gibt es Ausnahmen. Und es ist ja auch nichts gegen Skulpturen in einem Park oder auf einem Platz zu sagen - aber wie viele Beispiele gibt es dafür, dass die Kunst den öffentlichen Raum nicht nur dekoriert und in einen kontemplativen Museumsraum ohne Dach verwandelt - sondern (und das war ja das große Versprechen) Handlungsalternativen eröffnet? Wäre, sollte diese Kunst fragen, eine Stadt denkbar, in der nicht nur Schaufenster angeschaut und Sachen gekauft werden, wäre ein kollektiver Ort, eine Architektur vorstellbar, in der spontanere, wildere Formen des Miteinanders möglich werden und in dem das Gefühl von Gemeinsamkeit sich nicht auf das parallele Trinken von zwei Milchkaffees mit Blick auf die Masse der Einkaufenden beschränkt?

          Unter den jüngeren Künstlern schien kaum jemand geeigneter, diese Fragen zu beantworten, als der Künstler Tomás Saraceno - und so war es ein gutes Zeichen, dass man ihn für das staatlich und stiftungsgeförderte Projekt „Rossmarkt³“ auswählte, um auf dem kriegszerstörten und seitdem unwirtlichen Platz etwas zu tun, was nicht bloß wieder Kunst im öffentlichen Raum sein sollte.

          Saraceno, der am Frankfurter Städel erst Architektur und dann Kunst studierte, wurde bekannt mit Modellen schwebender Städte und mit filigranen Irrgärten aus komplizierten Fadennetzen, die er unter anderem auf der Biennale in Venedig 2009 zeigte. Er interessiert sich für die Statik von Seifenblasen, die Stärke und Feinheit von Spinnweben: Seine Entwürfe erinnern an die großen alten Raumutopiker Buckminster Fuller und Yona Friedman, und wie bei denen fragte man sich auch bei Saracenos beeindruckenden schwebenden Modellen, ob so eine utopische, fliegende Blasensphäre auch wirklich gebaut und nicht nur als Modell beschworen wird.

          Einkugeln im Hängemattennetz

          Eine erste Antwort gab Saraceno vor einem Jahr in Kopenhagens Statens Museum: Dort hing hoch oben über dem Boden eine Idealwelt aus durchsichtigen Blasen - und in diesen Blasen lagen Menschen in einem sanft wiegenden und wippenden Kokon aus durchsichtiger PVC-Folie. Sie hingen in der Luft wie die Bewohner des Planeten Pandora. Es war, als sei Sloterdijks metaphorisch gemeintes Bild einer in Blasen und Schäumen lebenden Gesellschaft plötzlich wahr geworden. Zeigte sie sich dort, die Gegenstadt, der Ort für die postkonsumistische Idealgemeinschaft?

          "Rossmarkt³" ist ein ungewöhnliches Projekt, und man kann die Kuratorin Juliane von Herz und die Stiftungen, die das Projekt unterstützen, nur loben für ihr Engagement: für den Versuch, in Schulen zu diskutieren und Schüler in die Jury zu holen - denn es sind 25 Schüler, die hier den Künstler auswählen und mit ihm am Projekt arbeiten. "Rossmarkt³" ist ein Versuch, jungen Stadtbewohnern beizubringen, dass man es selbst in die Hand nehmen kann, die Stadt umzugestalten, mit Politikern zu verhandeln und die Orte zu bauen, die man sich wünscht und die es noch nicht gibt. Und es ist einfach Pech, dass Saraceno ihnen sein langweiligstes Projekt auf den Platz gestellt hat.

          Denn als bekannt wurde, dass Saraceno auf dem zugigen Roßmarkt etwas bauen werde, da stellte man sich schon vor, wie das wäre, wenn über der Straße und dem Platz eine Stadt aus miteinander verbundenen Blasen schweben würde, aus denen man nach unten auf den Verkehr und nach oben in den Himmel und auf die Bankentürme schauen würde: Was wäre das für eine Sensation gewesen, wenn die Kunst im Epizentrum der Frankfurter Bankenwelt, im zur Transitfläche gehetzter Banker verkommenen öffentlichen Raum, eine Gegenwelt des Schauens und Schwebens, des sich Einkugelns und sich Ausstellens, erfunden hätte, ein Hängemattennetz, in dem man sich verabredet, gepicknickt, diskutiert, gelesen, Musik gehört, vielleicht geschlafen hätte.

          Wie eine Dekokirsche im Vorgarten

          Warum wurde daraus nichts? Natürlich: Die bürokratischen Hürden sind hoch, die technischen Probleme zahlreich. Aber wie man hört, war die vielgescholtene Kulturpolitik der Stadt diesmal nicht schuld. Wie kam es dann, dass wieder nur ein schönes Ding in der Wüste abgestellt wurde? Nicht, dass dieses verspiegelte Ding, in dem sich Türme und Gesichter kaleidoskopisch brechen, hässlich aussähe. Etwas kleiner wäre es ein Schmuckstück, wenn es noch etwas größer wäre, könnte es ein technoider Meteorit oder das Modell einer geodätischen Zukunftsstadt sein, wie sie Buckminster Fuller vorschwebte - aber eben nur ein Modell.

          Und das ist das Problem. Buckminster Fuller wollte die Welt umbauen; Saraceno macht daraus ein dekoratives Ding, das man auch als irgendwie nach Zukunft aussehende Dekokirsche im Vorgarten des nächstliegenden Bankenturms verklappen kann. Die Utopie schrumpft zum Signet für Zukunft.

          Als Kunstwerk ist das Ding langweilig: Es macht nichts mit dem Platz. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es einmal anders gekommen wäre. So ein Wunder hätten die Schüler, die Initiatoren und die Unterstützer des Projekts verdient gehabt. Aber es gibt Hoffnung. In Zukunft soll jedes Jahr ein anderer Künstler den Platz bespielen - so wie die Serpentine Gallery es in London mit ihren temporären Pavillons macht, die jedes Jahr Tausende anziehen und diesen Winkel des Parks in einen der lebendigsten Orte Londons verwandeln. „Rossmarkt³“ ist ein großartiges Projekt, bei dem man sich alles vorstellen kann und will - nur nicht wieder diese depressiven Solitärobjekte, diese deprimierend geschmackvolle und ratlose und endlos langweilige „Kunst-im-öffentlichen-Raum“-Kunst.

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