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Frankfurter Kunstprojekt : Glitzerding am Straßenrand

Eine erste Antwort gab Saraceno vor einem Jahr in Kopenhagens Statens Museum: Dort hing hoch oben über dem Boden eine Idealwelt aus durchsichtigen Blasen - und in diesen Blasen lagen Menschen in einem sanft wiegenden und wippenden Kokon aus durchsichtiger PVC-Folie. Sie hingen in der Luft wie die Bewohner des Planeten Pandora. Es war, als sei Sloterdijks metaphorisch gemeintes Bild einer in Blasen und Schäumen lebenden Gesellschaft plötzlich wahr geworden. Zeigte sie sich dort, die Gegenstadt, der Ort für die postkonsumistische Idealgemeinschaft?

"Rossmarkt³" ist ein ungewöhnliches Projekt, und man kann die Kuratorin Juliane von Herz und die Stiftungen, die das Projekt unterstützen, nur loben für ihr Engagement: für den Versuch, in Schulen zu diskutieren und Schüler in die Jury zu holen - denn es sind 25 Schüler, die hier den Künstler auswählen und mit ihm am Projekt arbeiten. "Rossmarkt³" ist ein Versuch, jungen Stadtbewohnern beizubringen, dass man es selbst in die Hand nehmen kann, die Stadt umzugestalten, mit Politikern zu verhandeln und die Orte zu bauen, die man sich wünscht und die es noch nicht gibt. Und es ist einfach Pech, dass Saraceno ihnen sein langweiligstes Projekt auf den Platz gestellt hat.

Denn als bekannt wurde, dass Saraceno auf dem zugigen Roßmarkt etwas bauen werde, da stellte man sich schon vor, wie das wäre, wenn über der Straße und dem Platz eine Stadt aus miteinander verbundenen Blasen schweben würde, aus denen man nach unten auf den Verkehr und nach oben in den Himmel und auf die Bankentürme schauen würde: Was wäre das für eine Sensation gewesen, wenn die Kunst im Epizentrum der Frankfurter Bankenwelt, im zur Transitfläche gehetzter Banker verkommenen öffentlichen Raum, eine Gegenwelt des Schauens und Schwebens, des sich Einkugelns und sich Ausstellens, erfunden hätte, ein Hängemattennetz, in dem man sich verabredet, gepicknickt, diskutiert, gelesen, Musik gehört, vielleicht geschlafen hätte.

Wie eine Dekokirsche im Vorgarten

Warum wurde daraus nichts? Natürlich: Die bürokratischen Hürden sind hoch, die technischen Probleme zahlreich. Aber wie man hört, war die vielgescholtene Kulturpolitik der Stadt diesmal nicht schuld. Wie kam es dann, dass wieder nur ein schönes Ding in der Wüste abgestellt wurde? Nicht, dass dieses verspiegelte Ding, in dem sich Türme und Gesichter kaleidoskopisch brechen, hässlich aussähe. Etwas kleiner wäre es ein Schmuckstück, wenn es noch etwas größer wäre, könnte es ein technoider Meteorit oder das Modell einer geodätischen Zukunftsstadt sein, wie sie Buckminster Fuller vorschwebte - aber eben nur ein Modell.

Und das ist das Problem. Buckminster Fuller wollte die Welt umbauen; Saraceno macht daraus ein dekoratives Ding, das man auch als irgendwie nach Zukunft aussehende Dekokirsche im Vorgarten des nächstliegenden Bankenturms verklappen kann. Die Utopie schrumpft zum Signet für Zukunft.

Als Kunstwerk ist das Ding langweilig: Es macht nichts mit dem Platz. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es einmal anders gekommen wäre. So ein Wunder hätten die Schüler, die Initiatoren und die Unterstützer des Projekts verdient gehabt. Aber es gibt Hoffnung. In Zukunft soll jedes Jahr ein anderer Künstler den Platz bespielen - so wie die Serpentine Gallery es in London mit ihren temporären Pavillons macht, die jedes Jahr Tausende anziehen und diesen Winkel des Parks in einen der lebendigsten Orte Londons verwandeln. „Rossmarkt³“ ist ein großartiges Projekt, bei dem man sich alles vorstellen kann und will - nur nicht wieder diese depressiven Solitärobjekte, diese deprimierend geschmackvolle und ratlose und endlos langweilige „Kunst-im-öffentlichen-Raum“-Kunst.

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