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Kirchenschätze aus dem Schutt : Zu nah am Wasser gebaut

Ein Puzzle aus dreiundsechzig Teilen: Detail einer gotischen Beweinungsgruppe von 1430/40 Bild: Christine Krienke (LfDH)

Weil die gotische Kirche St. Leonhard in Frankfurt zu nah am Mainufer lag, musste ihr Fundament mehrmals aufgeschüttet werden. Dabei versanken Skulpturen und Votivgaben im Boden, die das Dommuseum Frankfurt jetzt zeigt.

          Die Betonung des Flusses in der Unterzeile der gerade in Frankfurt eröffneten Ausstellung „Schätze aus dem Schutt – 800 Jahre St. Leonhard in Frankfurt am Main“ hat ihre Berechtigung. Über Jahrhunderte war das Hochwasser für besagte Kirche ein existenzielles Problem. Die zu Beginn der Schau zu sehende Merian-Ansicht der Stadt von 1628 zeigt sie direkt hinter der Befestigungsmauer am Ufer des Mains. Immer wieder musste das Gelände dort aufgeschüttet werden; mitleidlos wurden, um Volumen zu erhalten, aufwendig reliefierte mittelalterliche und frühbarocke Grabplatten zur Auffüllung verwendet. Heute bildet dieser „Schutt“ einen Großteil der ausgestellten Schätze. Die Archäologen der sieben Jahre andauernden und jetzt mit der aufwendigen Fundpräsentation in Dommuseum und Kreuzgang des Doms abgeschlossenen Grabungskampagne in St. Leonhard sind insofern Gewinnler mehr oder weniger fernen Unglücks. Das aber ist, siehe Troja-Athen-Rom, nahezu immer der Fall in diesem Fach.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch auf der Fototapete des ältesten Teils der Kirche, des romanischen Jakobusportals, zeigt sich das Problem: Kein Geringerer als Madern Gertener, der als Stadtbaumeister der Freien Reichsstadt Frankfurt ab 1415 den filigranen spätgotischen Turm des Bartholomäusdoms schuf, musste das Niveau des Portals durch Aufschüttung anheben. Des einen Leid, des anderen Freud: Die ergrabenen Meter unter der heutigen Schwelle haben nach Jahrhunderten ihre ursprüngliche Farbfassung erstaunlich gut bewahrt.

          Damals sahen Kirchen wie Museen aus

          Weniger gut hielten sich die ursprünglichen Patroziniumsheiligen der Kirche. Der Ritterheilige Georg und Maria, die auf dem Tympanonbogenfeld des Jakobusportals die Bitten der Bürger an Christus weiterleiten, wurden von diesen als Patrone mitleidlos durch Leonhard ersetzt, sobald man mittels vieler Spenden 1323 die Armreliquie des Heiligen Leonhard angekauft und im Museum, pardon: in der Kirche ausgestellt hatte, die prompt in „St. Leonhard“ umbenannt wurde.

          Tatsächlich weisen Kirchen im Herbst des Mittelalters Züge von Museen auf: Die über Jahrhunderte unsystematisch angehäuften Kunstwerke, in diesem Fall Stiftungen reicher Bürger und Händler, dienen wie das Beten auch selbstverständlich dem Seelenheil, genauso stark aber der Repräsentation einer städtischen Elite in der Blütezeit der Stadt – insbesondere in einer Pilgerkirche, wie sie St. Leonhard ab 1323 war. Die solventen Stifter und „Macher“ verewigen sich wie in heutigen Museen mit ihren Wappen oder namentlich, immer aber enorm selbstbewusst – so wenn ein Engelbert auf eine Stufe direkt unter den Thron Christi am Jakobusportal stolz sein „Engelbertus f\[ecit\]“ („hat es gemacht“) setzt.

          Selbst die Totenkronen waren aus Eisen

          Der neue Patron der Kirche zog reiche Stiftungen an. Im sechsten Jahrhundert in fränkischen Adel geboren, besucht Leonhard als Eremit Gefangene und sprengt ihre Ketten. Die hochschwangere Gemahlin des Merowingerkönigs Chlothar I. bewahrt er bei einem Ausritt vor Tod und Fehlgeburt, weshalb ihm zum Dank vom König für sein Kloster so viel Land zugestanden wird, wie er in einer Nacht mit seinem Esel umreiten kann. Überhaupt heilt er viele Kranke, aber auch das Vieh der Bauern. Wegen der gesprengten eisernen Kettenglieder wird der Heilige von Schmieden und Schlossern ebenso verehrt wie aufgrund seines Umritts und der für metallene Viehjoche gehaltenen Ketten von Bauern, Stallknechten, Fuhrmannsleuten. Selbst von Wöchnerinnen und an Geschlechtskrankheiten Leidenden wurde er um Beistand gebeten.

          Derartige Hagiographien mögen heute befremdlich klingen. Damals hatten sie große Bedeutung für den Alltag der Menschen, wie man an den ausgestellten Funden ablesen kann. Als Kettensprenger und Patron der Schmiede tauchten besonders viele Stücke aus einst kostspieligem Eisen in den Gräbern auf, darunter zahlreiche Kettenglieder und hagere menschengestaltige Eisenvotive wie von Alberto Giacometti ebenso wie ein aufwendig gefertigter Miniatur-Anker, der mit einiger Sicherheit Grabbeigabe eines Mainfischers war, so wie die Kettenringe des Heiligen von Treidlern verehrt wurden, die mit deren Hilfe die Handelsschiffe stromaufwärts zogen. Selbst die Reste zweier Totenkronen für jungfräulich Verstorbene waren in der Leonhardskirche ungewöhnlicherweise aus Eisen. Weil die Pilgerkirche am Jakobusweg nach Santiago lag, spielten auch Jakobsmuscheln eine große Rolle. Da aber die wenigsten die strapaziöse Pilgerreise bereits hinter sich gebracht hatten, mussten ersatzweise Mies- und Herzmuscheln als Not-Pilgerzeichen und Votivgaben herhalten – immerhin sorgfältig mit Löchern versehen und ursprünglich wohl als Kette um den Hals getragen und am Altar abgelegt.

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