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François Boucher in Karlsruhe : Muschel-Manie

Augen-Kino mit dem Pinsel: Die Staatliche Kunsthalle in Karlsruhe zeigt am Œuvre von François Boucher, was das Rokoko so modern macht.

          4 Min.

          Bevor man hoffentlich bald zu der in Deutschland bislang ungekannten Fülle von Meisterwerken des französischen Rokokomalers François Boucher in der Karlsruher Kunsthalle gelangt, ist zunächst eine Phalanx von fünf Sockeln zu sehen, unter deren Glasstürzen Muscheln mit wundersamen Namen liegen: Löwenpranke, Riesenohr, Papierboot. Die bildhaft benannten Gebilde der Natur sehen nicht nur so aus, wie sie heißen, sie fassen sich auch so an - die hauchdünnen Wandungen der Papierboot-Muschel lassen sie so leicht und zart werden, dass man ihr unmittelbares Davonwehen beim ersten Luftzug befürchtet.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit diesen vom Rokoko geliebten, hochartifiziellen Gebilden, die dem Stil in Gestalt der Rocaillemuschel seinen Namen gaben, ist der Auftakt gesetzt: An wenige Orte in Deutschland passt die Schau zum zweihundertfünfzigsten Todestag von Boucher derart wie in die Rokokofächerstadt Karlsruhe. Allein die auch selbst als Künstlerin tätige Markgräfin Karoline Luise von Baden nannte acht Bouchers ihr Eigen, jedes einzelne Bild in sehr persönlich gehaltenen Briefwechseln mit ihrem elsässischen Kunsthändler Jean-Henri Eberts in Straßburg und dem Künstler beschrieben, besprochen und bei Erhalt bejubelt – oder auch zurückgesandt bei Nichtgefallen. So konnten in Karlsruhe neben etlichen seiner Gemälde aus Eigenbestand auch die Muscheln bewundert werden, die sich dem Inventar zufolge einst als teure Kuriositäten - der wohlhabende Maler konnte es sich bei rund zehntausend bei Sammlern äußerst begehrten Zeichnungen sowie über tausend verkauften Gemälden leisten – in dessen ausgedehnter Kunstkammer-Sammlung befanden. Die prächtigsten dieser skulpturalen Kunstwerke der Natura sind nun aus den Depots des badischen Naturkundemuseums im Entree nacharrangiert.

          Neben den Muschelwelten hängen Kupferstiche Bouchers an der Wand, die das permanente Umschlagen von Gebautem und Geschaffenem in Natur auf die Spitze treiben: Muscheln bilden Wasserbecken, halb verschattete Treppen werden zur Hälfte wieder von der Natur zugewuchert und schnecken sich piranesihaft nach oben und wirken, obwohl steinern, organisch weich.

          Die Natur als Manieristin

          Auf derartige „Aufweichungen“ folgt im zweiten Saal jenes Motiv, für das Boucher in seinem achtzehnten, aber auch noch im neunzehnten Jahrhundert gepriesen wurde: Darstellungen der Venus, die häufig ihr Attribut der Muschel zeigt, vom Maler in allen denkbaren Posen hin- und hergewendet. Selbst die Liebesgöttin wird bei ihm integraler Teil der Natur, und zwar einer vermenschlichten Natur, was an den zahlreichen Verschmelzungen und buchstäblich fließenden Übergängen ihres Körpers ablesbar ist. Und selbst die Ikonographien der schon vom Barock so geliebten mythologischen Darstellungen und Metamorphosen werden von Boucher derart aufgeweicht, dass oft nicht sicher zu bestimmen ist, welche Mythologien gemeint sind.

          So seltsam das für heutige, naturwissenschaftlich gespitzte Ohren klingen mag: Gerade für den angeblich überkandidelten Rokoko war die Natur, die ja selbst überbordende und nie kühl-rationale Manieristin ist, die unangefochtene Lehrmeisterin. So studiert auf dem Bild „Merkur und Amor“ von 1742 der kleine Erosknabe aufmerksam ein Buch, auf dessen aufgeschlagener Doppelseite nicht lange Traktate, sondern ein Bild zu sehen ist: Eingezeichnet ist der Bogen, mit dem er bald Menschen in feuriger Liebe „ihrer Natur gemäß“ in Brand schießen wird. Um auch hier an der Künstlichkeit der Unterrichtung und dem hohen Fertigkeitsanspruch der Liebeskunst keinen Zweifel zu lassen, setzt Boucher unter den Bogen seine Signatur.

          Feier der Haptik

          Das Rokoko ist somit eine unausgesetzte Feier der Haptik (etwa im Bild der „Modistin“ aus Stockholm, wo seidene Stoffbänder langsam durch Finger gleiten), die mit Boucher neben Watteau, Jardin und seinem eigenen Meisterschüler Fragonard als Hohepriestern ein permanentes Hochamt feiert. Boucher malt nicht nur überwiegend sinnliche Sujets wie Veneren – seine Malerei selbst ist artifizielle Sinnlichkeit. Denn es sieht zwar auf den ersten Blick alles aus wie Natur, er zeigt aber auch, wie diese stets „nur“ künstlich erzeugt ist – selbst die prachtvollsten Farbspiele der Pfauenfedern bestehen ja lediglich aus raffinierten Brechungen des Sonnenlichts, was Licht- und Schattenzauberern wie Boucher durchaus bewusst ist.

          Der enzyklopädische Aufklärer Denis Diderot beklagte sich über Boucher, dass er selbst bei dessen von jeder verhüllenden Schicht entblätterten Nackten noch „immer Schminke, Schönheitspflästerchen, Pompons und allen Firlefanz des Putztisches an ihnen“ sehe. Aber ja: Seine Hautoberflächen sind von allen Malern des achtzehnten Jahrhunderts die einheitlich perfektesten – Boucher trägt die Farbe der nackten Haut auf wie ein Make-up. Oft ist sogar bei dem hauchdünnen Farbauftrag des Malers bereits das Make-up schon die ganze Inkarnatsfarbe. Auf die von ihm immer wieder als Quintessenz und Symboltiere von Naturidylle eingesetzten Schafe übertragen: In vielen Fällen erzeugt er die augenschmeichelnde Oberfläche des Wollvlieses ausschließlich durch die auf der Leinwand abgedruckte Struktur des Pinselhaares mit einem Hauch weißer Farbe.

          Eine Rose ist ein Gewand ist ein flaschengrünes Meer

          Oder das wie flaschengrünes Meerwasser ausufernde Gewand auf Bouchers sicherlich berühmtestem Bild, der Madame Pompadour aus der Münchner Alten Pinakothek von 1756: Es streift soeben noch das sehr eigene Dunkel-Graugrün der Stiele von Rosen, die zu Dutzenden aus Stoff auf das Kleid appliziert sowie in frischer Form aus dem Garten auf Bücher und andere Gegenstände neben der Pompadour drapiert sind; durch den stark angereicherten Blauanteil im rosenstengelgrünen Kleid wirkt der Farbton im Auge aber so metallisch-grell glänzend, dass die Mimesis eines naturidentischen Rosengewandes sogleich wieder aufgehoben wird. Hinzu kommt, dass man bei Annäherung das Hingetupfte und mit dem Pinsel Ausgezogene der Stoffe klar erkennt – wenig überraschend waren Boucher und seine Rokoko-Kollegen die Heroen schlechthin für den augentäuschenden Impressionismus hundert Jahre später.

          Genauso dialektisch „funktionieren“ aber auch Bouchers auf den ersten Blick atemnehmend naturnahen Zeichnungen: Ohne Zögern ist man bereit, etwa die Felswohnungen in „Blick auf eine rustikale Wohnstätte“ von 1760 als italienische Landschaft zu akzeptieren, gerade weil der Maler als Prix de Rome-Gewinner Jahre in Italien verbrachte. Dann aber wird man gewahr, dass die Ansicht dieser beispielsweise für die Provence typischen, in den Stein getriebenen Wohn- und Eremitenhöhlen auch starke französische Elemente enthält – die Idylle entpuppt sich als harmonisch auf dem Blatt zusammengebautes Pasticcio. Erst recht fällt einem an dieser wie den übrigen zehntausend Zeichnungen Bouchers auf, dass er annähernd nie Horizontlinien einzieht oder die gesamte Landschaft zeigt; er fokussiert direkt auf einen Ausschnitt und rückt ihn sehr nah an das Betrachterauge, das so ja nie gucken würde, heran – diese Close-ups sind Bouchers präcinematographischer Kniff der Blicklenkung auf ein Sujet.

          Wenn man so will, ist Boucher mit diesen seinen charmanten Ent-Hüllungen genau in jener Zeit, in der Vorformen des Kinos in Paris den leuchtenden Betrachteraugen künstliche Bildwelten vorspiegeln, der erste große Des-Illusionierer, der die kunstvolle Natur durch ebenso kunstvolle Täuschung – die jedoch nie Enttäuschung ist - feiert.

          François Boucher – Künstler des Rokoko. In der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe; voraussichtlich vom 16. Februar bis zum 5. April. Der Katalog kostet 49 Euro.

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