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Nach dem Dresdner Kunstraub : Was wir wissen und hoffen können

Angriff mit Axt: Die Überwachungskamera im Grünen Gewölbe zeigt den Einbruch Bild: dpa

War das nun der spektakulärste Kunstraub aller Zeiten? Warum sieht es in Filmen so schwierig aus, während dieser so einfach war? Und was wird aus den bestohlenen Sachsen? Gesammelte Antworten.

          8 Min.

          War das wirklich der spektakulärste Kunstraub seit hundert Jahren?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenn es um den Wert der Beute geht: Ja. Wenn es um die Eleganz des Vorgehens geht: Nein. Bisher galt der Einbruch ins Isabella Stewart Gardner Museum in Boston 1990 als der größte Kunstraub aller Zeiten (nehmen wir zwecks Vergleichbarkeit Kriegs- und koloniale Beute aus): Zwei als Polizisten verkleidete Männer fesselten die beiden Wächter mit Klebeband und sperrten sie in den Keller, um nach eineinhalb Stunden mit drei Rembrandts, einem Vermeer, einem Manet und einigen Degas auf immer zu verschwinden. Auf 300 Millionen Dollar wurde der Wert der Beute geschätzt. Heute wäre sie wohl mehr als das Doppelte wert. Der Fall ist inzwischen verjährt, das FBI bietet aber weiter zehn Millionen Dollar für Hinweise, die zum Auffinden der Werke führen. Spektakulär war auch 2017 der Raub der 100 Kilogramm schweren „Big Maple Leaf“-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum durch ein ungesichertes Fenster, und genauso spektakulär ist der laufende Prozess gegen vier junge Mitglieder des aus dem Libanon stammenden Remmo-Clans. Die Wertfrage ist in Dresden aber komplexer: Denn anders als für berühmte Maler gibt es für die einzigartige Dresdner Goldschmiedekunst keinen Markt. Und während die garantiert längst eingeschmolzene Goldmünze, die das Bode-Museum als private Leihgabe zeigte, einfach nur groß war, der symbolische also weit unter dem Materialwert von 3,75 Millionen Euro lag, ist es in Dresden umgekehrt. Jede Schätzung schon des Materialwerts, ob nun 100 oder 200 Millionen Euro, ist spekulativ. Erzielen könnte man den Materialwert nur um den Preis der Vernichtung dieses symbolischen Werts, der in Marktpreisen nicht auszudrücken ist, nur in kunsthistorischer Bedeutung: Nur in Dresden hat Dynastiegeschichte so vollständig in über die Generationen umgearbeiteten Objekten überlebt. Da wirkt das ausgesetzte Kopfgeld von 500.000 Euro sparsam. Damals in Boston wurde übrigens die Sicherheitsfrage noch wesentlich laxer gehandhabt. Einer der beiden Wächter kiffte gern, der andere nutzte das Museum zum Posaune-Üben.

          1990 in Boston gestohlen: Rembrandts „Christus im Sturm auf dem See Genezareth“

          In Filmen sieht das immer so schwierig aus.

          „Das war fast wie ‚Mission Impossible‘, was die da veranstaltet haben“, sagte fassungslos der Direktor des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram. Man muss ihm da leider widersprechen: Nicht mal ein deutscher Fernsehsender würde ein Drehbuch akzeptieren, in dem ein Verteilerkasten lahmgelegt, ein Gitter mit der Flex zerlegt und Fenster und Vitrine mit einer Axt zertrümmert werden, bevor die Täter mit einem bereitstehenden Audi A6 flüchten. Zu einfach, zu phantasielos, zu krude. Gemessen an den Standards des Heist-Movies sind Planung und Durchführung unterkomplex. Komplizierte Logistik, ein Team mit Spezialisten und nahezu unüberwindliche Sicherheitssysteme gehören im Kino dazu, ob beim Einbruch ins CIA-Hauptquartier in „Mission: Impossible“ oder beim Diebstahl eines Fabergé-Eis in „Ocean’s 12“. Mit Axt und Flex kann man auch eine Trinkhalle ausrauben. Und ob es um Banken, Gold, Kunst oder Juwelen geht, im Heist-Movie hat sich fast immer schon eine Rollenumkehrung vollzogen: Die Diebe sind diejenigen, mit denen man als Zuschauer sympathisiert, die Bestohlenen sind die wahren bad guys. Sollte jemand am Drehbuch zum Raub von Dresden sitzen – es lohnt sich nicht. Ein Film steckt da nicht drin – es sei denn, die Polizei erzielte einen spektakulären Fahndungserfolg. Aber das wäre ein anderes Genre.

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