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Nach dem Dresdner Kunstraub : Was wir wissen und hoffen können

Hier kamen sie durch: Der Mitarbeiter einer Restaurierungsfirma beim Schließen der Lücke

Was tut die Polizei?

Am Donnerstag übernahmen drei Staatsanwälte für organisierte Kriminalität die Aufsicht über die Soko „Epaulette“, für die inzwischen vierzig Polizisten arbeiten. „Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten Tagen relativ konkret vorankommen mit der Konzentration der Untersuchung auf bestimmte Personen“, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Klaus Rövekamp der F.A.S. „Eine heiße Spur haben wir noch nicht.“ Mehr als 400 Hinweise aus der Bevölkerung seien inzwischen eingegangen. Man gehe von vier Tätern aus. „Es handelte sich um sorgfältige Vorbereitungsmaßnahmen und in zeitlicher Hinsicht minutiös geplante Vorüberlegungen.“ Nur die Vernichtung aller Spuren durch das Ausbrennen des zur Flucht genutzten Audis in einer nahen Tiefgarage ist nicht gelungen. Interessant ist, dass man zwar zusammen mit allen Bundesländern fahndet, aber nicht mit anderen Staaten, obwohl sich für ein Umschleifen vor allem Indien mit seinen Tausenden Goldschmieden empfiehlt. Im Fall einer Verhaftung droht eine Verurteilung nach §46 StGB, das heißt maximal zehn Jahre.

Was bleibt von Sachsen?

Der Juwelenraub sei „ein Anschlag auf die kulturelle Identität der Sachsen“, erklärte Sachsens Innenminister Roland Wöller unmittelbar nach der Tat und wollte damit wohl Ministerpräsident Michael Kretschmer toppen, der zuvor gesagt hatte, dass nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen, sondern alle Sachsen bestohlen worden seien. Man kann diese Worte zu Recht belächeln, sie kitschig, anmaßend und überhöht finden, und dennoch treffen sie einen wahren Kern. Wer gesehen hat, wie fassungslos und den Tränen nicht nur nahe manche Dresdner und Sachsen nach dem Verbrechen vor dem, vor „ihrem“ Schloss standen, kann zumindest eine Ahnung davon bekommen, dass mit diesem Bruch nicht nur immense kunsthistorische Werte verlorengingen, sondern auch eine kulturelle Heimat, Stolz und Selbstbewusstsein. Schließlich war der ganze Prunk, ja, die schier atemberaubend funkelnde Fülle, die vor allem August der Starke und seine Nachfolger in aller Welt zusammengekauft (!) hatten, sowohl für sie als auch für ihr Volk stets hinreichender Trost, wenn wieder mal ein Krieg verloren war, das Königreich geteilt oder die Hauptstadt besetzt wurde. Die Juwelen blieben, schon vor 300 Jahren waren sie öffentlich ausgestellt, und immer, wenn gerade auch Auswärtige sie bewunderten und lobten, überzeugte das viele Sachsen davon, doch irgendwie bedeutend und keine Verlierer zu sein. Die Preziosen überstanden den Kaiser, die Nazis, das Bombardement Dresdens, die Sowjetunion, wo sie zeitweise lagerten, und die DDR. Gerade hier wuchs die Begeisterung für die sächsische Geschichte und ihre Könige umso mehr, je stärker die SED den Sieg des Kommunismus propagierte. Westbesuch wurde selbstredend ins Grüne Gewölbe geführt, denn dort lagen die realen Zeugnisse einstiger Pracht und Macht. Und anders als viele Unternehmen, die nach dem Krieg aus dem einst industriellen Zentrum Deutschlands abwanderten oder enteignet wurden, blieben die Kunst (wie Raffaels „Sixtinische Madonna“) und die Juwelen, die Weltruf haben, in ihrer Vollständigkeit erhalten. 1990 waren sie kulturell mit das Bedeutendste, das Sachsen in das wiedervereinigte Deutschland einbrachte. Ausgerechnet unter Aufsicht der Bundesrepublik aber geht dieser Schatz nun flöten. Für dem „System“ ohnehin schon skeptisch gegenüberstehende Sachsen wird das der Versagensbeweis schlechthin sein.

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