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Fragen sie Julia Voss : Warum können Kinder so toll malen?

  • -Aktualisiert am

Entspannte Dringlichkeit: Ein Mädchen malt in der Kinderbetreuung auf der Buchmesse Leipzig. Bild: Picture-Alliance

Von Picasso stammt der Satz, er habe ein Leben lang gebraucht, um zu malen wie ein Kind. Was aber macht Kinder so oft zu so guten Künstlern? Wir haben einen Maler, eine Malerin und einen Bildhauer um Antwort gebeten.

          Als ich vor einigen Tagen bei einem Abendessen eingeladen war, stand im Flur des Gastgebers eine sehr bunte Tasche. Sie war blau wie das Meer, und es gab viele farbige Teilchen darauf, rote, gelbe und grüne. Bemalt hatte sie die Tochter eines Künstlers, der auch bei dem Essen war. Wir sprachen an dem Abend nur kurz darüber, und später ärgerte ich mich, dass ich nicht genauer nachgefragt hatte. Da nämlich traf bei mir die Leserfrage ein: Warum können Kinder häufig so toll malen?

          Gleich also die Mail an Bernd Ribbeck, Maler in Berlin, er ist der Künstler mit der Tasche, die von der Tochter gestaltet wurde. Was ist das Geheimnis von Kinderzeichnungen? Antwort: „Entspannte Dringlichkeit“. Selbst für einen Fehler gebe es immer eine Erklärung, so Ribbeck. „Man beanstandet einen Fisch im Himmel, und natürlich bekommt man erklärt, dass es ein fliegender Fisch ist. Überhaupt: Falsch ist richtig und richtig ist falsch.“

          Einsicht Nummer eins also: Das Tolle an Kinderzeichnungen ist ihre Eigengesetzlichkeit. Das sah auch Picasso so. Er war mehr als sechzig Jahre alt, als er sagte: „Ich konnte als Kind malen wie Raffael, aber ich habe ein Leben lang gebraucht, um zu malen wie ein Kind.“ Seine Karriere beschrieb er als phantastische Rückwärtsrolle. Zu Beginn der Drill des Vaters, eines Malers und Zeichenlehrers, der ihm beibrachte, wie ein Erwachsener zu malen, in Öl auf Leinwand, nach allen Regeln der akademischen Kunst. Später warf er diese Erziehung über Bord und wurde das, was er als Kind nicht sein durfte.

          Kinder sind die besseren Texter

          Fast alle Künstler, die ich kenne, haben zu Hause oder im Atelier Kinderzeichnungen hängen. Kinder und ihre Gemälde sind die heimlichen Stars des Kunstbetriebs, die namenlosen Künstlerkünstler. Darum gleich die nächste Anfrage, jetzt bei Tobias Rehberger, Bildhauer und Professor an der Städelschule in Frankfurt. Auch bei ihm hängen Kinderbilder zu Hause. Was lässt sich von ihnen lernen? Zuerst ein Dämpfer: „Ich glaube nicht, dass viele Kinder toll malen können.“ Aber, so Rehberger, sie geben ihren Werken die allerbesten Titel. Bei ihm hängt ein kleines Bild, darauf sind zwei Punkte in einem Ei, dazu gekritzelte Linien. „Mama als Geist“ nannte die Tochter das Bild. Das war der Geniestreich.

          Einsicht Nummer zwei: Kinder sind die besseren Texter. Ihr Talent wäre demnach mehr das von Duchamp als von Picasso. Duchamps Idee, ein Pissoir auszustellen, wurde ja auch erst durch den Titel richtig gut. „Fountain“.

          Was hätte Gabriele Münter wohl gesagt?

          Letzter Anruf, nun bei Karin Kneffel, Malerin und Professorin an der Kunstakademie in München. Bei ihr hängt ein Selbstporträt, sie hat es selbst gemalt, im Alter von sechs Jahren. Warum hat sie es behalten? „Damals lief im Fernsehen die Werbung von Dr.Oetker. Da hieß es: Eine Frau hat zwei Lebensfragen. Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen? Mir hat das als Kind richtig Angst gemacht.“ Wenn sie das Bild heute betrachte, erinnere sie sich an dieses Unwohlsein, und sie sei froh, dass es anders gekommen sei. Auf dem Selbstbildnis von damals trägt das Mädchen Karin Kneffel eine gemusterte Strickjacke. Die Nase hat die gleiche Form wie die aufgestickten Blumen.

          Einsicht Nummer drei: Kinder bringen in ihren Gemälden Dinge zusammen, die in der Erwachsenenwelt getrennt werden. Nasen und gestickte Blumen zum Beispiel. Naturalistisch ist das nicht, Erwachsene würden sich bemühen, dass ihnen so ein Fehler beim Zeichnen nicht unterläuft. Kinder aber folgen einer höheren Ordnung. Die eigene Nase kann sich schließlich so fremd anfühlen wie die Jacke, in die man gesteckt wird.

          Eine Künstlerin kann ich leider nicht anrufen. Es ist Gabriele Münter. Sie starb 1962, da war sie fünfundachtzig Jahre alt. Im Lenbachhaus in München hängt ihr Meisterwerk von 1913. Das Bild einer lesenden Frau im Sessel, an ihrer Seite, wie kleine Altäre, Werke, die Kinder gemalt haben. Die expressionistische Künstlerin hatte dafür echte Vorbilder genommen und sie abgemalt. Warum, was hätte Münter wohl gesagt? Wir können nur raten. Ein Versuch: In Kindergemälden steckt das Versprechen, dass man die Welt auch anders sehen kann.

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