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Fra Angelico im Prado : Das Rätsel der asymmetrischen Engelsflügel

Fra Angelico: „Die Verkündigung und die Vertreibung von Adam und Eva“, ca. 1426. Bild: Museo Nacional del Prado

Der einzige seliggesprochene Künstler: Anlässlich der Restaurierung von Fra Angelicos Madrider Verkündigung feiert der Prado den Maler als Beginn der Renaissance.

          Der Engel ist gerade erst gelandet. Die Flügel sind noch in Bewegung. Golden flirrt und vibriert das mit Pfauenfedern durchsetzte Gefieder. Gabriel verliert keine Zeit. Er öffnet seine Lippen, um Maria die Botschaft zu überbringen. Wie ein Scheinwerfer richtet sich ein gleißender Lichtstrahl vom Himmel direkt auf das Herz der Jungfrau. Kraftvoll, fast grell, wirken die Farben, in denen die frisch restaurierte „Verkündigung“ von Fra Angelico im Madrider Prado-Museum leuchtet. „Er ist einer unserer ersten modernen Maler“, sagt Carl Brandon Strehlke. Der amerikanische Kurator hat die Ausstellung „Fra Angelico und die Anfänge der Renaissance in Florenz“ um die Verkündigung herum aufgebaut. Das Meisterwerk ist erst im Mai aus den Werkstätten des Prado zurückgekehrt, in denen die Restauratoren den Schmutzschleier entfernten, um es wieder zum Strahlen brachten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Vor dem Altarbild brannten jahrhundertelang Kerzen. Jeden Abend stimmten die Mönche des Dominikanerklosters von Fiesole oberhalb von Florenz davor das „Salve Regina“ an. 1611 verkauften sie es, weil sie Geld für einen neuen Kirchturm brauchten. Die Verkündigung gelangte nach Spanien. Erst 1861 wurde sie im Madrider Kloster der „Descalzas Reales“ wiederentdeckt und kam in den Prado. Seit die Spuren des Kerzenrauches und spätere Korrekturen getilgt sind, erhellt ein fast übernatürliches Licht die dramatische Szene. Es entspringt direkt den Händen Gottes. Ihm bleibt nichts verborgen, es wirft keine Schatten und lässt keinen Raum für mystisches Dunkel. Zu Unrecht wurde Fra Angelico oft nur als Maler perfekter und berührender Andachtsbilder gewürdigt, der sich, der Welt entrückt, in das Dominikanerkloster zurückzog, für das er die Verkündigung malte. Er wurde als „Beato Angelico“, der „gesegnete Engelsgleiche“, verehrt; 1982 sprach ihn Papst Johannes Paul II. selig.

          Fra Angelico: Die Jungfrau mit dem Granatapfel, ca, 1426.

          Diese Wahrnehmung versucht der Prado zu korrigieren. Dort ist nicht der geniale Klosterbruder Angelico zu sehen, sondern Guido di Pietro, wie er wirklich hieß: Mit beiden Beinen und offenen Augen steht er mitten im künstlerischen Umbruch des fünfzehnten Jahrhunderts in Florenz. Den Betrachtern der Verkündigung tritt er als ein mutig experimentierender Künstler gegenüber, der die steifen Formen der Gotik hinter sich lässt, um in die Renaissance aufzubrechen. Diesen Weg dokumentiert die Ausstellung mit vierzig seiner Werke; sie ist ein weiterer Höhepunkt, den das Museum in seinem zweihundertsten Jubiläumsjahr aufbietet. Zusätzlich zweiundvierzig Bilder und Skulpturen aus seiner Zeit machen anschaulich, wie stark Ort und Zeit den Maler inspirierten und prägten.

          In Marias Haus hat Fra Angelico neue Tiefe durch die Perspektive geschaffen, die er vom Renaissance-Architekten Filippo Brunelleschi lernte. In dem früheren Gemälde „Thronende Madonna mit Kind und zwölf Engeln“ aus dem Frankfurter Städel nimmt er dessen revolutionäre Domkuppel in Florenz als Vorbild für seinen Baldachin. Seine „Geschichten aus dem Leben des heiligen Nikolaus von Bari“ lässt er in einer Stadtlandschaft aus Türmen, Terrassen und Fassaden spielen. Absichtlich stellt Carl Brandon Strehlke, emeritierter Kurator des Philadelphia Museum of Art, ein von Brunelleschi entworfenes Kapitel an den Beginn der Ausstellung – als beredtes Symbol für die beginnende Renaissance.

          Fra Angelico: Achtzehn Gesegnete des Dominikanerordens.

          Als junger Künstler beherrschte Fra Angelico bereits meisterhaft den Miniaturstil der Gotik. Dann faszinierte ihn der Naturalismus, den er auf den Terracotta-Reliefs und Skulpturen seines Zeitgenossen Donatello kennenlernte, von denen einige ebenfalls im Prado zu sehen sind – wie auch Werke von Masaccio, Uccello und Filippo Lippi, mit denen er in einen künstlerischen Dialog trat, der auch seine „Madonna mit dem Granatapfel“ und das „Begräbnis des heiligen Antonius Abbas“ beeinflusste. Beide Bilder hat der Prado erst vor drei Jahren vom Herzog von Alba erworben.

          Fra Angelico ist die menschliche Perspektive ebenso wichtig wie die architektonische. Er ist ein großartiger Erzähler bis ins kleinste Detail. Das zeigt die Verkündigung nicht nur beim eilenden Erzengel und der erschrockenen Jungfrau. Aus dem blühenden Garten neben ihrem Haus vertreibt ein zweiter Engel Adam und Eva aus dem Paradies. Blass und entsetzt sind ihre Gesichter. Selbst Adams Barthaare, von denen jedes widerspenstig in eine andere Richtung ragt, hat die Prado-Restauratorin Almudena Sánchez wieder sichtbar gemacht. Ein Jahr lang hat sie daran gearbeitet. Für sie ist es ein „Wunder“, wie gut es die sechshundert Jahre überstanden hat, aber dennoch jede Menge Herausforderungen bedeutete. Am Ende konnte nur ein amerikanisches Silikon-Gel die Schmutzschicht schonend entfernen, die sehr empfindlich auf Wasser reagierte. Es brachte die verblasste Tiefe zurück und das Lapislazuli-Blau von Marias Mantel strahlt wieder, wie frisch gemalt.

          Almudena Sánchez konnte auch das Rätsel der asymmetrischen Flügel lösen, die sie immer gestört hatten, weil sie Fra Angelicos Stil nicht entsprachen. Ein Goldpartikel in einer tieferen Schicht unter der Schulter des Erzengels führte sie schließlich auf die richtige Spur. Dort setzte früher der Flügel an, auf dessen Überreste sie dann wenig später stieß. Zwei Holzplatten hatten sich bewegt und waren unsachgemäß zusammengesetzt worden. Danach besserte man den Riss mit neueren Ölfarben aus. In der Werkstatt des Prado erhielt der Engel seine alten Flügel zurück und sein goldenes Gefieder, so, wie es Fra Angelico für die Kirche seines Klosters gemalt hatte.

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