https://www.faz.net/-gqz-zeke

Fotosession mit Queen : Das Sofa steht quer im Saal

  • -Aktualisiert am

Es ist gar nicht so leicht, die Queen zu fotografieren. Kurz hat der deutsche Fotograf Thomas Struth nach der königlichen Anfrage gezögert, sich dann lange vorbereitet. Ein Hundefoto sollte auf Schloss Windsor das Eis brechen.

          5 Min.

          Als Thomas Struth den Auftrag erhielt, das britische Königspaar anlässlich des bevorstehenden diamantenen Kronjubiläums für die Londoner National Portrait Gallery zu porträtieren, erbat er sich bei aller Ehre fünf Tage Bedenkzeit. Seine Methode der subtilen Einfühlung in die komplizierte Dynamik zwischen seinen Sujets, deren Umfeld, dem Fotografen und dem Betrachter, den die Porträtierten durch den Blick in die Plattenkamera direkt konfrontieren, eignet sich nicht für die Darstellung von Berühmtheiten, deren routinierter Umgang mit dem Objektiv eine gewisse Stumpfheit vermittelt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Sie haben in der Regel eine Position bezogen, sagt Struth, an der schwer zu rütteln sei. Deswegen hat er für seine sich zwischen Dokumentation, Analyse und Erzählung bewegenden Studien von Beziehungsgeflechten stets Personen – meist Familien – gewählt, die er aus seinem privaten oder beruflichen Leben kannte. Aber die Herausforderung, einen neuen Aspekt herauszukitzeln aus der Begegnung mit diesen ikonischen Figuren, hat Struth dann doch gereizt.

          In diesem Sonderfall verbot sich freilich die übliche vorbehaltlose Annäherung durch Gespräche und Beobachtungen. Struth las sich in das Thema ein, schärfte den Blick durch das Studium bisheriger Darstellungen der Königin und begann sich eine Geschichte zurechtzulegen, die seine künstlerische Phantasie belebte. Als entscheidend für seine persönliche Wahrnehmung der Pflichtauffassung erwies sich der Film „The King’s Speech“, der ihm suggerierte, dass die prägende Erfahrung des stotternden Vaters seiner Tochter den Impuls vermittelt habe, es besser zu machen. Auf praktischer Ebene nahm sich Struth vor, so viel zu kontrollieren, wie die Umstände erlaubten, von der für den Aufnahmetermin vorgesehenen Dauer, die er von zwanzig Minuten auf eine Dreiviertelstunde hochhandeln konnte, über den Schauplatz bis hin zu der in engster Abstimmung mit der Kammerfrau der Königin und dem Diener Prinz Philips gewählten Garderobe, die möglichst diskret gehalten wurde.

          Eine Illusion von Tiefe

          Bei der Betrachtung der königlichen Porträts in der Sammlung der National Portrait Gallery hatte Struth versucht zu identifizieren, was ihm nicht gefiel. Als besonderen Störfaktor empfand er den überbordenden Ornat. So war das Streben nach einem verhältnismäßig unaufdringlichen Rahmen bestimmend für den Aufbau. Die unruhigen Energien, die ausgingen von dem zur touristengefüllten Prachtstraße blickenden Gelben Salon des Buckingham-Palastes, der gewöhnlich für solche Aufträge verwendet wird, veranlassten Struth, sich einen stilleren Ort auszubedingen. Demnach wurden ihm auf Schloss Windsor drei Räume zur Auswahl gestellt. Struth entschied sich vor allem aufgrund der die Hauttöne komplementierenden Farbe für den Grünen Salon, wo er das Mobiliar mit malerischem Blick neu arrangierte.

          In einem genialen Kunstgriff stellte er das Sofa quer in den Saal. Das vom Fenster einfallende Licht erleuchtet die in der Komposition zentrierte Königin, während ihr Mann, durch die Schräglage leicht zurückgesetzt, etwas mehr im Schatten sitzt, ganz wie es seiner offiziellen Rolle des Prinzgemahls entspricht. Struth fixiert das Paar mit äußerster Schärfe und meißelt es gleichsam aus dem nur mit Tageslicht beleuchteten Raum heraus, wodurch sich die Figuren beinahe reliefartig vom prunkvollen Hintergrund abheben. Die geöffnete Doppeltür verleiht eine Illusion von Tiefe und zieht den Betrachter, der dem Königspaar auf Augenhöhe begegnet, in die 1,70 mal 2,10 Meter messende Bildfläche hinein. Durch die Kombination von meisterhafter Dramaturgie und psychologischem Einfühlungsvermögen bringt Thomas Struth feine Zwischentöne zum Klingen. Seine dynamische Orchestrierung fügt die einzelnen Elemente zu einer harmonischen Symphonie aus Licht und Farbe zusammen.

          Prinz Philip konfrontiert die Kamera mit stechendem Adlerauge

          Mit respektvoller Intimität erfasst der Künstler zugleich das Königliche und das Private. Die Andeutung eines ironischen Lächelns umspielt die Lippen der Königin. Ihr Blick ist leicht abwesend, als wanderten die Gedanken bereits zur nächsten Aufgabe. Neben ihrem Mann wirkt sie in ihrem hellblauen Seidenbrokatkleid fast entspannt, ohne dabei die förmliche Aura preiszugeben. Prinz Philip konfrontiert die Kamera mit stechendem Adlerauge, als wollte er sagen: „An mich kommt keiner heran.“ Das angewinkelte Rückenkissen lässt ihn noch steifer erscheinen. Mit dem auf der Lehne liegenden Arm wiederholt er spiegelverkehrt die Pose der Königin. Der schwere Armleuchter rechts hinter ihm bekräftigt seine Unterstützerrolle, dennoch grenzt er sich souverän ab mit der auf der Sitzfläche zwischen ihm und seiner Frau ruhenden Hand. Trotz jahrzehntelanger Vertrautheit bewahrt jede Person ihre Eigenständigkeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.