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Fotos von Gordon Parks : Schwarz ist mehr als eine Farbe

Eine Szene aus der South Side von Chicago Bild: Gordon Parks: „The Atmosphere of Crime, 1957“. Steidl-Verlag.

1957 ging der große schwarze Fotograf Gordon Parks mit der Polizei auf Streife durch Amerikas Metropolen. Sein Auftrag war, das Verbrechen zu dokumentieren. Seine Bilder leisten aber viel mehr.

          3 Min.

          Wer Amerikas Nächte, Amerikas Träume und die Bilder, die sich Amerika von diesen Nächten macht, einigermaßen verstehen und halbwegs anschaulich schildern will, braucht dafür mindestens ein französisches Wort. „Noir“ heißt es, war ursprünglich zur Benennung der gleichnamigen Filme gedacht („Film noir“, die Wortschöpfung eines französischen Kritikers) – und taugt doch seit langem als Antwort auf die Frage, was Raymond Chandler wohl meinte, als er notierte: „Die Straßen waren schwarz nicht vom Dunkel der Nacht allein.“ Nein, er meinte nicht bloß, dass Verbrechen und Hoffnungslosigkeit, Armut, Sucht und Einsamkeit die amerikanischen Nächte verdüsterten. Er meinte vor allem den Reiz, den die ganze Dunkelheit bekam, wenn ein Mensch durch sie ging, der sich von der Schwärze der Nacht nicht blenden ließ. Noir war die amerikanische Dunkelheit erst mit einem Helden oder einer Heldin im Gegenlicht. Noir war, wenn die Dunkelheit einen Zauber ausstrahlte.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gordon Parks’ Kindheit und Jugend waren nicht noir, sondern black. Aufgewachsen auf dem Land in Kansas, in einer Gegend und zu einer Zeit, da man einen schwarzen Teenager noch lynchte, bloß weil er einem weißen Mädchen zu nahe gekommen war (und anschließend leider die Täter nicht mehr ermitteln konnte), war Parks ein Mann, für den schwarz keine Stimmung, sondern eine Hautfarbe bezeichnete. Und die dazugehörigen Zukunftsaussichten. Seine eigenen zum Beispiel. Und die der Leute, die eher auf der dunklen als auf der sonnigen Seite der Straße zu Hause waren. Als er elf war, wurde er von drei weißen Jungs in einen Fluss geworfen; sie wussten, dass er nicht schwimmen konnte, und nur eine Baumwurzel, an der er sich festhalten konnte, rettete ihm das Leben.

          Bilder, die nicht gestellt, nicht inszeniert, Fotos, die rein dokumentarisch sind.

          Parks, 1912 geboren, jüngstes von 15 Kindern, schlug sich, kaum war er alt genug, als Schaffner und als Kellner durch, sang in einer Band, spielte Klavier in einem Bordell und war schon in der zweiten Hälfte seiner Zwanziger, als er sich eine Kamera kaufte, nach Chicago ging und dort versuchte, auch mit dem Fotografieren ein wenig Geld zu verdienen.

          Der Rock’n’Roll spielte den Soundtrack dazu

          Es war Roosevelts New Deal, es war, genauer, das Fotografieprogramm der Farm Security Administration (F.A.S. vom 26. 4.), das auch seine Karriere befeuerte. Er dokumentierte das Leben der Afroamerikaner in den großen Städten. Er schoss „American Gothic“, das berühmte Bild einer schwarzen Putzfrau, mit Stars and Stripes im Hintergrund. Er arbeitete für die „Vogue“. Und er bekam einen festen Job bei „Life“, das in der Nachkriegszeit das wichtigste und auflagenstärkste Magazin in den Vereinigten Staaten war.

          In den späten Fünfzigern sah es so aus, als hätte eine gewaltige Verbrechenswelle die ganzen Vereinigten Staaten erfasst. Die Teenager wurden verrückt. Der Rock ’n’ Roll spielte den Soundtrack dazu. Und in den Zentren der großen Städte waren nur die zurückgeblieben, die sich kein hübsches Haus in Suburbia leisten konnten und womöglich auch keine anständige Arbeit. Das „Life“-Magazin begann eine Serie, die „Crime in the U.S.“ hieß und ziemlich laut und bunt aufgemacht war. Und deren Text doch nicht nur sehr gut und modern geschrieben war. Sondern den man so ähnlich auch heute drucken konnte, weil die Verbrechenswelle, wie sich herausstellte, auch damals eher eine gefühlte als eine empirisch nachweisbare war. „A wave of good behavior“ hieß eine sarkastische Zwischenüberschrift.

          Parks’ Blicke sind weder von der Schuld der Verhafteten noch von der Unschuld der Detectives überzeugt.

          Gordon Parks war für diese Serie in New York, in Chicago und in Kalifornien unterwegs. Er ging mit der Polizei auf Streife und fotografierte die Schauplätze des Verdachts, des Verbrechens, der Verhaftungen. Er bekam einen eigenen Fotoessay, der „The Atmosphere of Crime“ betitelt war. Auf der Oberfläche, so hieß es im Vorspann, sei die Welt des Verbrechens jener der ehrbaren Leute ähnlich. „Aber darunter hat diese Welt ihre eigene, dunkle Atmosphäre.“ Elf Fotos waren da zu sehen; aber natürlich hatte Parks viel mehr (und teilweise auch bessere) geschossen; und die kommen jetzt, zusammen mit der faksimilierten Illustriertenstory, als Buch heraus: „The Atmosphere of Crime, 1957“.

          Gordon Parks: der Held, den es braucht

          Es sind Bilder, die nicht gestellt, nicht inszeniert, es sind Fotos, die rein dokumentarisch sind. Ein Mensch wird verhaftet, Polizisten führen ihn oder sie ab. Wer die Handschellen trägt, ist schwarz. Wer ihn abführt, ist weiß. Und wer dabei zusieht, ist Gordon Parks mit seiner Kamera, und was den Bildern die Spannung verleiht, das ist der Umstand, dass man zu erkennen glaubt, dass Parks’ Blicke weder von der Schuld der Verhafteten noch von der Unschuld der Detectives überzeugt sind. Sie sind nicht schwarzer Agitprop, die Bilder. Sie zeigen nur, im Glücksfall, fast immer also, den Moment, da die Sicht klar ist, die moralischen Verhältnisse aber maximal unklar sind.

          Und zugleich sieht es so aus, als hätte jemand einen schönen, dunklen Film noir in Farbe (Nicholas Rays „Party Girl“, zur selben Zeit gedreht, fällt einem vielleicht ein) nur angehalten für einen Moment, und gleich gehe es weiter. John Cassavetes hat ja einst beklagt, dass die Gangster erst in den Gangsterfilmen gelernt hätten, wie ein Gangster sich zu inszenieren habe. Für Polizisten gilt das Gleiche. Und Gordon Parks ist hier gewissermaßen nicht nur Beobachter, sondern der Held, den es braucht, damit der Glanz des Noir die Dunkelheit leuchten lässt. Zwölf Jahre später hat er angefangen, Filme zu drehen, 14 Jahre später hat er „Shaft“ inszeniert, den größten Hit jenes Genres, das man Blaxploitation nennt, obwohl es doch die Selbstermächtigung der schwarzen Filmemacher war.

          Hier, in diesen Fotos, mit ihren starken Stilisierungen, verrät er nicht die Wirklichkeit an die Ästhetik. Vielmehr öffnet er einen fiktionalen Raum, in dem die schwarzen Frauen und Männer mehr sein können als bloß Delinquenten. Helden womöglich.

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