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Fotos von April und Mai 1945 : Ein Neuzugang im Kreis der Großen

Berlinerinnen und Berliner machen sich im Mai 1945 bei Aufräumarbeiten zwischen Reichstag und Brandenburger Tor. Bild: Arthur Bondars Private Collection

Die Welt holt wieder Atem, und der Fotograf, der sie beobachtet, atmet mit ihr: Ein Bildband präsentiert Fotografien des zerstörten Berlins und der verwüsteten Landstraßen im Frühjahr 1945.

          Vor drei Jahren las der ukrainische Fotograf Arthur Bondar im Internet eine Anzeige, in der das Archiv eines sowjetischen Kollegen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zum Kauf angeboten wurde. Als ihn die Verkäufer die Negative anschauen ließen, begriff Bondar, dass er einen historischen Fund gemacht hatte. Die Bilder, die der Armeefotograf Valery Faminsky im April und Mai 1945 im zerstörten Berlin und auf den Landstraßen dorthin aufgenommen hatte, sahen anders aus als fast alles, was bisher an Bildmaterial aus den letzten Kriegstagen in der deutschen Hauptstadt bekannt war. Bondar sortierte und scannte die Negative, und im Frühling vorigen Jahres kuratierte er eine Faminsky-Ausstellung in einer Berliner Galerie. Jetzt sind die Fotos in einem Bildband versammelt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Valery Faminsky (1914 bis 1993) war wegen seiner Sehschwäche zunächst als Telefonist und später als Fotoreporter im Medizinischen Korps der Roten Armee eingesetzt. Seit März 1945 diente er bei der 1. Weißrussischen Front unter Marschall Schukow, die am 16. April zum entscheidenden Angriff auf die Seelower Höhen und zum Durchbruch auf Berlin antrat. Bis zum 24. Mai begleitete er den Vormarsch auf die deutsche Zentrale des Großdeutschen Reichs, die Eroberung der Vorstädte und der Innenstadt, die Kapitulation und die ersten Tage des Friedens mit der Kamera. Dabei ging er weit über seinen Aufgabenbereich der Dokumentation des Lazarettwesens hinaus. „Ich wurde in meiner Arbeit kaum eingeschränkt“, erklärte Faminsky später in einem um 1980 entstandenen Lebenslauf. Wer seine Fotos betrachtet, kann das bestätigen.

          Verlesung der Kapitulationserklärung  am 8. Mai 1945.

          Faminskys Aufnahmen zeigen das Berlin, das wir kennen: Trümmerfassaden, Schuttberge, Geschützstellungen, graue, gebückte Menschen, Fahrräder und Militärlastwagen – aber nicht so, wie wir es kennen. Bei Kaminsky hockt etwa eine ältere Frau mit Kopftuch am Straßenrand einer fast unzerstörten Arbeitersiedlung, sie hat den Inhalt ihres Koffers, darunter ein Paar elegante Damenschuhe, vor sich ausgebreitet, und sie lächelt. Ein Mann im Armeemantel sitzt vor einer kleinen Staffelei und malt eine Ruinenszene. Die Besatzung eines Panzers versammelt sich, noch auf dem Vormarsch von der Oder, in einer Kampfpause vor einem Bauernhaus. Ein Pferd mit verbundenem Hals steht in der Schlesischen Straße und blickt unverwandt in die Kamera. Faminsky interessiert sich nicht für die Bebilderung des Sieges, den die Rote Armee mit hohen Verlusten erkauft hat. Der mitfühlende Blick, den er auf die Verwundeten in den Lazaretten wirft, Männer mit zerschossenen Gliedern und blutigen Kopfverbänden, prägt auch seine Wahrnehmung auf den Berliner Straßen, die er, nach den Fotos zu schließen, mit rastloser Neugierde durchstreifte.

          Valery Faminsky: „Berlin Mai 1945“. Hrsg. von Tomas Gust, Arthur Bondar, Ana Druga und Joseph Dilworth. Verlag Buchkunst Berlin, Berlin 2018. 184 S., Abb., geb., 45,– Euro.

          Er sieht befreite sowjetische Zwangsarbeiter, die sich mit verschlossenen Gesichtern auf den ungewissen Rücktransport in ihre Heimat vorbereiten, Berliner Kinder und Jugendliche, die erleichtert nach den Flugblättern mit der Bekanntgabe der deutschen Kapitulation greifen, und russische Offiziere, die vor dem fast unzerstörten Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Hohenzollernschloss für Erinnerungsfotos posieren. Was er nicht sieht, sind Helden. Faminskys Bildern fehlt jedes Pathos, selbst den verletzten Panzerkommandanten, der eine Rede auf die gefallenen Kameraden hält, betrachtet er wie einen alten Freund. Auf der Panorama-Ansicht des eroberten Reichstags ist der Vordergrund mit zerstörtem Kriegsgerät gefüllt, aber das erstaunlichste Detail ist ein Baum am rechten Bildrand, der aller Vernichtung zum Trotz seine Blätter treibt – als läge das große Sterben schon lange zurück.

          Ein Gefühl, das auch von dem Bild ausgeht, auf dem eine Rotarmistin am Fenster eines deutschen Wohnzimmers einen Plattenspieler bedient, während ihre Kameradinnen Briefe nach Hause schreiben und in einem Comic blättern. Faminsky ist als Nichtkombattant zur Armee gekommen, und so feiern alle seine Bilder das Zivile. Das Licht, das auf die zerbombten Häuser fällt, ist schon nicht mehr im Krieg. Die Welt holt wieder Atem, und der Fotograf, der sie beobachtet, atmet mit ihr.

          Was lernen wir aus diesem Band? Was man aus allen Fotobüchern lernt: dass die Wahrheit eines Bildes eine Frage der Einstellung ist; dass eine gelungene Fotografie ebenso viel über den verrät, der sie gemacht hat, wie über das, was sie zeigt. Valery Faminsky stand bisher nicht auf der Liste der großen Fotografen. Nun gehört er dazu.

          8. Mai 1945: Die Verteilung der Kapitulationserklärung als Flugblatt.

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