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Berenice Abbott in Köln : Keine Melancholie zwischen Paris und New York

Mit grafischen Mustern, starken Kontrasten und einem Übermaß an Licht feiert sie die Stadt als Heiligtum. Bild: Getty

Vom Ende der zwanziger Jahre an, als sich nach der Wirtschaftskrise zwei Epochen begegneten, fotografierte Berenice Abbott den Wandel New Yorks. Die Bilder zählen zum Eindrücklichsten, was die Stadt- und Architekturfotografie kennt.

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          Womöglich kennte heute kaum noch ein Mensch den französischen Fotografen Atget, der um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert seine gewaltige Kameraausrüstung auf einem Leiterwagen durch Paris zog und jene Häuser, Straßen und Stadtteile dokumentierte, die für den Abriss freigegeben waren, hätte sich nicht Berenice Abbott um dessen Werk gekümmert. In Paris hatte sie sich mit ihm angefreundet, nach seinem Tod den Nachlass betreut und ihn später an das Museum of Modern Art in New York vermittelt, wodurch er internationalen Ruhm erfuhr. Ihr Porträt des Fotografen als kauzigen alten Mann bestimmt bis heute unsere Vorstellung von ihm.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Womöglich aber kennte heute auch kaum noch ein Mensch Berenice Abbott, hätte sie nicht Atgets großartiges Werk dazu angeregt, sich mit einer ähnlichen Arbeit New Yorks, vor allem Manhattans, anzunehmen. Das war von Ende der zwanziger Jahre an, als es nach dem Börsenkrach und der folgenden Wirtschaftskrise zu einem Stillstand in der Stadt gekommen war und allerorten zwei Epochen einander begegneten. Hier schon die Hochbahnen und schnittige Limousinen, dort noch Pferdefuhrwerke, von deren Ladefläche herab Haushaltswaren verkauft wurden. Entlang der Boulevards die himmelstrebenden Wolkenkratzer, in den Gassen hingegen Tante-Emma-Läden hinter verschnörkelten Gittern.

          „Changing New York“ nannte Berenice die Arbeit, die 1939 mit 97 Aufnahmen als Buch erschien, dem augenblicklich der Rang eines Klassikers attestiert wurde. Wo sich bei Atget noch ein Moment von Melancholie über die Motive gelegt hatte, nutzte Berenice Abbott den kalten Blick der Kamera. Aus der Froschperspektive oder wie im Vogelflug findet sie Einstellungen, die es kaum je zuvor gegeben hat. Zugleich feiert sie mit grafischen Mustern, starken Kontrasten und einem Übermaß an Licht die Stadt als Heiligtum.

          Die Bilder zählen zum Eindrücklichsten, was die Geschichte der Stadt- und Architekturfotografie kennt. Jetzt stehen sie, ergänzt um Beispiele der Arbeiten von Atget, im Zentrum der Ausstellung „Berenice Abbott – Portraits of Modernity“, die in der Kölner Stiftung Kultur mit nahezu zweihundert originalen Abzügen den Blick weiter fasst und Aspekte aus dem Werk Berenice Abbotts hervorholt, die sonst meist im Schatten der Stadtaufnahmen verborgen sind. Vor allem Porträts aus ihrer Zeit in Paris.

          Scharf, kühl, angriffslustig: Berenice Abbotts Blick auf einem Selbstporträt.

          Um bei Brancusi zu studieren, war Berenice Abbott 1921 in die Stadt gezogen, schon bald arbeitete sie zudem als Dunkelkammerassistentin von Man Ray. Da dauerte es nicht lange, bis sie sich in den Kreisen der Bohème bewegte und bald auch ihr eigenes Studio eröffnete. Mit ihren Aufnahmen schuf sie ein Album der Moderne: mit den Konterfeis etwa von James Joyce, André Gide und Jean Cocteau, von Sylvia Bach, Janet Flanner und Peggy Guggenheim.

          Am beeindruckendsten aber bleibt ein Selbstporträt, für das sie in der Nachbearbeitung ihr Gesicht so verzerrt hat, dass die Augen in die Länge gezogen sind und der Blick scharf, kühl, fast angriffslustig erscheint. Es ist ebendieser Blick, der all die grandiosen Motive der Ausstellung der Welt entrissen hat.

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