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Taryn Simon in Luzern : Das Archiv der übersehenen Dinge

Eine Ausstellung zum Werk von Taryn Simon in Luzern zeigt, wie mit Bildern Politik gemacht wird – und wie man die Verfügung über sie zurückgewinnen kann.

          5 Min.

          Im November 2009 verbrachte die Künstlerin Taryn Simon vier Tage mit der Grenzpolizei, die die Einreisenden am Flughafen John F. Kennedy Airport in New York kontrolliert. In diesen Tagen entstanden über eintausend Fotografien von Dingen, die von den Grenzschützern sichergestellt wurden: Plastikbeutel mit seltsamen Nahrungsmitteln aus Mittelamerika, eigenartige Tonfiguren, Knochen, denen magische Kräfte zugesprochen werden, knapp fünfzig gefälschte BMW-Zeichen, knapp zwei Dutzend gefälschte Tiffany-Tüten, selbstgemachte Würstchen, Hirschblut, dazu Waffen, Drogen, Elektronikteile, Kleidung, Raubkopien von Fernsehserien – Simons Fotoserie „Contraband/Schmuggelware“ ist ein Atlas all dessen, was das Land von sich fernhalten will, was als gefährlich für die Gesundheit oder die Wirtschaft gilt. Sie ist aber auch ein Porträt der globalisierten Gegenwart in tausend Dingen, eine Art Negativformulierung des aktuellen Zustands Amerikas: Ein Prospekt unerfüllter Wünsche auf der einen und Ängste vor Infektion, Identitätsdiebstahl, Epidemie und Tod auf der anderen Seite; ein Bild all dessen, was eine Gesellschaft und ihre Exekutivorgane als bedrohlich definieren.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Kaum jemand hat in der Kunst die Idee des Archivs als eines kritischen Erkenntnisinstruments so energisch verfolgt und so politisiert wie die 1975 geborene Taryn Simon, der das Luzerner Kunstmuseum jetzt eine große Werkschau widmet.

          Ihre Auseinandersetzung mit dem Format der Dokumentation begann schon mit der Arbeit, die die kanadisch-amerikanische Künstlerin im Jahr 2001 berühmt machte: Für das Projekt „The Innocents – Die Unschuldigen“ war sie ein halbes Jahr lang mit einem Transporter quer durch die Vereinigten Staaten gefahren und hatte Menschen getroffen, die zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren und deren Unschuld erst spät durch die genetische Analyse von Blutspuren oder Hautpartikeln bewiesen werden konnte. Simon zeigte diese Justizopfer am Tatort oder dort, wo sie sich zur Tatzeit befanden.

          Beklemmende Ästhetik

          Was diese Bilder so beklemmend machte, war ihre überwältigende Schönheit. Wie Außerirdische stehen die Unschuldigen in Simons Bildern an plätschernden Bächen, auf Wiesen – aber diese Schönheit der Natur, die große Kulisse amerikanischer Freiheitsträume, ist etwas, das diese Menschen einen Großteil ihres Lebens nicht sehen durften, weil jemand sie erfolgreich verdächtigt hatte. Es gibt kaum Bilder, die eindringlicher die Zerstörung von Menschen durch ein fehlerhaftes System zeigen. „The Innocents“ handelte von Ästhetik, Recht und der Macht des Bildes – denn oft waren es Fotos, die die Unschuldigen ins Gefängnis brachten: Einer Frau, die vergewaltigt wurde, legten die Untersuchungsbeamten acht Fotografien von möglichen Tätern vor.

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