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Taryn Simon in Luzern : Das Archiv der übersehenen Dinge

Und tatsächlich versucht man bald in dieser Ausstellung mit einer fast paranoiden Genauigkeit aus der Form der Blumengebinde zu schließen, wie sie die Verhandlungen darzustellen oder gar zu beeinflussen versuchen: Bildet sich in diesen rauschend aufbrausenden, durch ein Band aber fest zusammengehaltenen Wildblumen das Turbulente und Ungezügelte der Verhandlungspartner ab, die spüren, dass sie zusammenhalten müssen? Sind die zu Boden gesackten kolumbianischen Nelken, die im August 1968 bei der Konferenz von Bratislava den Tisch schmückten, ein verstecktes Zeichen, eine buchstäblich durch die Blume formulierte Kritik daran, wie die Sowjets den Reformen und dem Aufbruch der Tschechoslowakei im Prager Frühling ein Ende machten? Was will die Metzgerpalme sagen beim Vertragsabschluss zwischen Gasprom und China über Gaslieferungen im Wert von 400 Milliarden Dollar in den kommenden dreißig Jahren? Und war das Friedensabkommen zwischen den Regierungen von Moçambique und Südafrika so überraschend zustande gekommen, dass man nur noch schnell ein paar Palmenzweige in einen Topf donnern konnte? Die lieblose Dekoration gibt dem gesamten Vertag, der Atmosphäre des Orts, etwas beunruhigend Vorläufiges; das chaotisch Verknotete der Efeu-Ruten beim Vertrag über die Rückführung von gestohlenen Kulturgütern nach Kairo scheint auf bizarre Weise die Komplikationen, die mit ihr verbunden sein werden, darzustellen.

Ein ähnliches, aber leichteres Spiel treibt Simon in einer Arbeit, in der sie alle James-Bond-Filme nach im Hintergrund herumfliegenden Vögeln absucht; das Namensvorbild, der echte James Bond, war schließlich Ornithologe. Das Ergebnis ist das Bild einer paranoiden Überwachungsphantasie, ein Memento mori der aktuellen Erfassungs- und Auswertungsexzesse: Alles muss kategorisiert und verfügbar gemacht werden, kein Vogel entkommt. Man sieht lauter akribisch angeordnete Bilder, die das Treiben verschwommen zu sehender echter Vögel zeigen, während im weggeschnittenen Vordergrund der fiktive James Bond die Welt vor fiktiven Schurken rettet.

Wie Bilder Politik machen

Eine andere interessante Arbeit vergleicht, wie in verschiedenen Ländern der Welt verschiedene Suchmaschinen beim gleichen Stichwort, das man eingibt, vollkommen unterschiedliche Bildmotive zeigen. Wie wird unser Denken durch Bilder gesteuert, welche Mechanismen entscheiden, was gezeigt wird und was nicht? Diese Fragen sind in Simons Werk zentral. Wie sehr sie daran interessiert ist, die Machtstrukturen sichtbar zu machen, die sich in Bildpolitik wie in Ordnungssystemen offenbaren, zeigt ihre Arbeit über das Katalogsystem der Public Library in New York, die eines der größten historischen Bildarchive Amerikas besitzt.

Dieses gigantische Bildgedächtnis ist nach Schlagworten sortiert, die sich manchmal wie konkrete Poesie lesen und deren Geschichte selbst viel darüber verrät, wie schon Verschlagwortung ganze Ideologien abbildet: „Magic is stage magic. For ,real‘ magic see Alchemy. Monkeys and Apes are filed seperately from animals. Muslims are with Islam. Mouths are found under Lips. Nazis are under Fascism. Native Americans are still called Indians.“ Fast alle Arbeiten Taryn Simons zeigen, wie mit Bildern Politik gemacht und Bewusstsein manipuliert wird, sie zeigen aber auch Strategien der Selbstermächtigung und Wege, wieder in ihren Besitz zu kommen. Seit langem führte keine Kunstausstellung mehr so schlagend vor, was es heute heißen kann, sich ein Bild zu machen.

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