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Taryn Simon in Luzern : Das Archiv der übersehenen Dinge

Sieben der Fotografien waren schwarzweiß, eine farbig. Die Frau wählte das farbige Bild aus, ein Foto des dunkelhäutigen Marvin Anderson. Dieser verbrachte fünfzehn Jahre im Gefängnis, erst 2001 bewies ein DNA-Test seine Unschuld. Die während der Prozesse in den Zeitungen publizierten, verwischten Aufnahmen der meist dunkelhäutigen Angeklagten schienen ein weiterer Beweis ihrer Schuld zu sein. Die hochästhetisierte Schönheit der Fotos, die Simon von den Unschuldigen machte, war kein formalistisches L’art pour l’art, sondern ein Versuch, den Verurteilten mit den Mitteln der Fotografie eine Würde wiederzugeben, die ihnen mit den Mitteln der Fotografie genommen worden war. Simons Fotografien waren, so gesehen, von Anfang an auch Dokumente einer großen Skepsis gegenüber Ästhetisierungen. Nichts ist in diesen Aufnahmen, wie es scheint, und wenn es eine Wahrheit gibt in diesen Bildern, diesen Geschichten, dann liegt sie in der biotechnischen Analyse.

Seitdem hat Taryn Simon immer wieder Orte aufgesucht und sichtbar gemacht, die dem normalen Bürger verborgen bleiben sollten: In ihrer Serie „Ein amerikanisches Verzeichnis des Verborgenen und Unbekannten“ von 2007 zeigt sie Orte, an denen grotesk entstellte weiße Tiger gezüchtet werden, oder ein Gelände im Touristenparadies Florida, auf dem die amerikanischen Streitkräfte einen neuen Sprengstoff erproben. Simons Bilderatlanten sind daher auch Schlüssel, um die privaten wie staatlichen Illusionsmaschinen der Gegenwart auseinanderzunehmen.

Auch viele der neueren Arbeiten von Simon beziehen sich auf Bilder. Für zwei ihrer neueren Serien hat sie Roland Barthes’ Theorie des „Punctum“ nutzbar gemacht. Nach Barthes gibt es neben der allgemeinen Botschaft einer Fotografie – etwa: „hier schließen Politiker in einem festlich dekorierten Saal einen Vertrag ab“ – etwas kaum Sagbares, eine Stimmung, die von nebensächlichen Dingen im Bild, einem Lichteinfall, einem seltsamen Stuhl, geprägt wird: „Das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren. Das punctum einer Fotografie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht – mich aber auch verwundet, trifft.“

Details als verstecktes Zeichen

Bei Simons Arbeit „Paperwork And The Will Of Capital“ war dieses Punctum das Blumengebinde, das man auf fast jedem Foto eines wichtigen politischen Vertragsabschlusses sieht: ein liebevoll arrangiertes Dekorelement, das dem politischen Akt etwas Feierliches und Gültiges verleihen und eine Stimmung herstellen soll, die am Ende die erhoffte politische Entscheidungsfindung positiv beeinflusst. Dieses oft übersehene Detail politischer Inszenierung und Ikonographie rückt Simon in den Mittelpunkt. Sie lässt, wie bei einer Autopsie, die Gebinde wichtiger politischer Zusammentreffen nacharrangieren, die Orchideen und Edelrosen etwa, die auf den Bildern von der Unterzeichnung des Völkerrechtlichen Vertrags zum Verbot von Streumunition den Raum schmückten. Wie so oft isoliert Simon die Gegenstände ihres Interesses im neutralen weißen Raum, als lägen sie auf dem OP-Tisch eines Bildchirurgen: bereit, seziert zu werden.

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