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Fotografieausstellung in Köln : Neugierde, Faszination, auch Betroffenheit

Dreißig Jahre lang hat das Kölner Ehepaar Bartenbach nahezu unbemerkt Fotografien gesammelt. Jetzt hat es die Bilder dem Museum Ludwig geschenkt – und sorgt damit für eine Sensation.

          Es liegt im Wesen der dokumentarischen Fotografie, dass die Bilder ruhig sind, zurückhaltend, still, bisweilen sogar spröde. Doch für die Präsentation „Doing the Document“ mit zweihundert solcher Aufnahmen im Museum Ludwig gibt es nur diese Vokabel: überwältigend.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Auch Kurt Bartenbach gehen die Augen über. Dennoch zögert er keinen Moment bei der Frage, ob er es jetzt womöglich bereue, die Fotografiesammlung seiner Familie dem Haus geschenkt zu haben. Nein, sagt er und lacht; im Gegenteil. Und während er sich in einem der Säle, in dem die Bilder nun für knapp vier Monate hängen werden, um sich selbst dreht und auf die wandfüllenden Tableaus aus jeweils Dutzenden von Schwarzweißfotografien von Tata Ronkholz, Max Regenberg sowie Gabriele und Helmut Nothhelfer schaut, fügt er fast nachdenklich hinzu: „So hätte ich das zu Hause nie sehen können. In dieser Fülle. Und in dieser Gegenüberstellung. Wir haben die Arbeiten ja immer nur als Einzelbilder erlebt.“

          Das Kölner Ehepaar Ursula und Kurt Bartenbach hat vor dreißig Jahren begonnen, Fotografien zusammenzutragen. Zu einer Zeit also, in der Bilder noch bezahlbar waren, die heute zu den Ikonen des Mediums zählen. Als man sich zugleich aber ebenso vor Freunden wie vor sich selbst für seine Leidenschaft rechtfertigen musste. Ein Abzug von Karl Blossfeldt gab die Initialzündung. Eine jener Pflanzenstudien, die sich trotz aller Präzision weniger botanischem Interesse verdanken als einem am Jugendstil geschulten Verständnis für Schönheit und Ornament. In welche Richtung sich von dort aus ihr Interesse entwickeln würde, habe niemand voraussehen können, sagt Kurt Bartenbach. Zumal er damals mit seiner Frau noch sehr engagiert Malerei gesammelt hatte. Von Arnulf Rainer etwa und Emil Schumacher – beides Künstler, denen nicht eben ein Hang zum Sachlichen, streng Organisierten nachgesagt werden kann.

          Begegnung auf Augenhöhe

          Trotzdem konzentrierten sich die beiden nur wenig später ganz auf die Fotografie und irgendwann zielgerichtet auf knapp zwanzig Fotokünstler. Deren Bilder erwarben sie selbst am Schluss noch Abzug für Abzug in Galerien, bei Auktionen oder von anderen Sammlern, wie das Werksverzeichnis in ihrem Sammlungskatalog mit Daten und Provenienzen detailliert belegt – und nur in Ausnahmen als Block oder Konvolut. An eine Gesamtpräsentation, sagt Kurt Bartenbach, hätten sie nie gedacht. Vielmehr habe ihnen jedes einzelne Bild seine je eigene Geschichte erzählt.

          Das ist umso erstaunlicher, als die Präsentation in Köln nun einen solch geschlossenen, auch komponierten Eindruck hinterlässt, dass kein Kurator sie mit noch so vielen Leihgaben besser hätte entwerfen können. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine epochenübergreifende Bestandsaufnahme dessen, was gemeinhin „Dokumentarfotografie“ heißt, jedoch mit dem von Walker Evans geprägten Begriff „dokumentarischer Stil“ ungleich treffender bezeichnet ist. Die beiden zentralen Gestirne sind dabei der Amerikaner Evans und der Kölner Fotograf August Sander, um die herum die folgenden Generationen von Fotografen wie Planeten kreisen – oder wiederum als deren Monde, etwa die beiden jüngeren Kölner Fotografen Boris Becker und Max Regenberg, die von den Töchtern in die Sammlung eingebracht wurden. Erst auf den zweiten Blick begreift man, dass hier vor allem New York und das Rheinland aufeinandertreffen. Auf Augenhöhe.

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