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Fotografie im Städel Museum : Unsere Neuen Meister

Die Fotografiesammlung von Uta und Wilfried Wiegand geht an das Frankfurter Städel. Dort werden die Bilder von November an in einer außergewöhnlichen Neukonzeption des Hauses zu sehen sein – als gleichberechtigte Kunstwerke zwischen Gemälden und Skulpturen.

          Klassische Bekenntnisse zu einer neuen Kunst“ untertitelte Wilfried Wiegand vor genau dreißig Jahren seine Anthologie mit Aufsätzen zur Fotografie. Es war ein Buch, mit dem er in die damals aufkommende Debatte eingriff, ob die Fotografie den hohen Künsten zuzurechnen sei. In ein paar wenigen Museen gab es zu der Zeit ein paar wenige Spezialisten, die sich der Fotografie intensiv widmeten, aber der Kunstmarkt hatte das Medium noch nicht entdeckt. Und zumindest in Deutschland beschränkte sich der Handel auf eine Handvoll Galeristen und unwesentlich mehr Sammler. Jeder nannte jeden beim Vornamen, und wenn einer von ihnen mehr als ein paar tausend Mark für einen Abzug bezahlte, ging augenblicklich ein anerkennendes Raunen durch das Grüppchen. Im Kreis ihrer Freunde, Bekannten und Kollegen aber standen diese Sammler selbst bei vermeintlich günstig erworbenen Bildern immer unter Rechtfertigungszwang.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Wilfried Wiegand war einer dieser Sammler – und es ist nicht auszuschließen, dass er sich mit dem Buch damals auch selbst ein wenig Mut machte. Denn da schon begann er, mit den Briefen, Erinnerungen und Tagebuchauszügen von Hill und Fenton, Cameron und Nadar, Steichen, Stieglitz oder Sander eine Liste zusammenzustellen, an der entlang sich später seine Sammlung bewegen würde. Zugleich hatte er sein Ziel sehr früh formuliert: nur Fotografien zusammenzutragen, die als eigenständige Kunstwerke neben den Gemälden eines Museums bestehen können. So wuchs die Sammlung nicht nur des überschaubaren Budgets wegen eher allmählich, sondern auch wegen der ebenso präzisen wie hohen Ansprüche. Dass sie nun ans Frankfurter Städel geht – teils als Ankauf, teils als Schenkung –, mag für manchen einer kleinen Sensation gleichkommen. Für Wilfried Wiegand und seine Frau Uta, die als Modedesignerin arbeitet und nicht unerheblich zur ästhetischen Ausrichtung der Bildauswahl beigetragen hat, ist es letztlich nur konsequent.

          Eine Universalsprache der Schönheit

          Die Leidenschaft Wilfried Wiegands für die Fotografie ist den Lesern dieser Zeitung kein Geheimnis. Als Kritiker zunächst und später als leitender Redakteur des Feuilletons hat er der Fotografie den gleichen Platz eingeräumt wie den anderen Künsten, und über die Arbeiten etwa von Eugène Atget oder Erich Salomon schrieb er mit derselben Tiefe und kunsthistorischen Kenntnis wie über die Gemälde von Picasso oder Baselitz.

          Wiegands Herkunft aus einer eher klassisch orientierten Kunstgeschichte freilich ist der Sammlung mit fast jedem Bild anzusehen. Begonnen zu einer Zeit, als die Fotoliteratur noch überschaubar war und ein anerkannter Kanon der Fotografie bestenfalls in Ansätzen vorlag, hatten Wilfried und Uta Wiegand sich einen klassischen Begriff von Kunst als Maßstab auferlegt: Klarheit und vollendete Schönheit. Die der Fotografie eigenen technischen Möglichkeiten blendeten sie nahezu aus – umso deutlicher fällt Eadweard Muybridges Bewegungsstudie eines trabenden Pferdes aus der Reihe. Ansonsten erweist Julia Margaret Cameron mit ihrem wunderbaren Porträt der Mrs. Herbert Duckworth, der Mutter Virginia Woolfs, dem dunklen Pathos der Rembrandt-Gemälde Reverenz. Jakob August Lorents Blick in Venedig vom Molo auf Santa Maria della Salute hat die Anmutung eines Bildes von Turner. Und zwei großformatige Aufnahmen der Brüder Bisson vom Portal der Kathedrale von Reims rufen Monets Paraphrasen der Kathedrale von Rouen in Erinnerung.

          Dass man solche kunstgeschichtlichen Referenzen dennoch nie als ästhetischen Diebstahl begreift, ist das Geheimnis dieser Sammlung. Stattdessen vermittelt sie mit ihren zahlreichen Inkunabeln der Fotografie den Eindruck, es gebe eine Universalsprache der Schönheit, der das technische Bildmedium bloß ein paar Dialekte hinzugefügt hat.

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