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Fotografie im Städel Museum : Unsere Neuen Meister

Impulse durch radikalen Ansatz

Max Hollein, seit nunmehr fünf Jahren Direktor des Städel, nennt es denn auch ohne jegliche Zurückhaltung eine „phänomenale Fügung“, dass gerade die Sammlung Wiegand in seinem Haus gelandet ist, einem Museum, das ebenfalls nie in die Breite gesammelt hat, sondern sich auf zentrale Hauptwerke konzentriert. Nachdem das Städel erst vor drei Jahren aus der Sammlung der DZ Bank ein Konvolut mit 210 Arbeiten von 76 Fotokünstlern aus der Zeit nach 1945 erhalten hat, sind nun in Teilen auch die Klassische Moderne, vor allem aber das neunzehnte Jahrhundert mit zweihundert Einzelfotografien und hundert weiteren Abzügen in Alben auf hohem Niveau abgedeckt. Für Max Hollein und Felix Krämer, den Sammlungsleiter für die Zeit von 1800 bis 1945, ist es deshalb nur folgerichtig, die Fotografiesammlung des Hauses künftig mit dem Erwerb einzelner Bilder zu erweitern. Dennoch geht es den beiden keineswegs darum, die Fotografiegeschichte nachzuerzählen. Die Abzüge der Sammlung Wiegand, allesamt in wertvollen historischen Rahmen präsentiert, werden vielmehr gleichberechtigt neben Gemälden und Plastiken hängen – als neues Bekenntnis zu einer klassischen Kunst gleichsam.

Was in den Abteilungen der Zeitgenossen längst Alltag ist, dass etwa eine wandfüllende Farbfotografie von Andreas Gursky neben einem Ölgemälde von Gerhard Richter gezeigt wird, gibt es entsprechend für das neunzehnte und frühe zwanzigste Jahrhundert bisher tatsächlich in kaum einem Museum der Welt und wird mit der Neueröffnung des Städel im Herbst für Deutschland einmalig sein. Dabei ist sich Felix Krämer der Radikalität seines Ansatzes nur zu bewusst, verspricht sich aber wesentliche Impulse für die inhaltliche Beschäftigung mit Malerei und Skulptur.

Das wird zu häufigen Wechseln führen

Davon, wie das aussehen wird, gibt in seinem Büro ein maßstabsgetreues Modell der fünfzehn Räume und Säle im ersten Stockwerk des Städel einen überzeugenden Eindruck: mit briefmarkengroßen Abbildungen an den Wänden. Demnach könnte zwar Hugo Erfurths Porträt der Käthe Kollwitz neben einem Relief der Künstlerin hängen, ansonsten aber liegt Felix Krämer ein solch unmittelbarer Zusammenhang fern. Lieber kombiniert er Léon Vidals schon 1876 entstandene Farbaufnahme eines Dolches mit Franz von Stucks Pietà. Oder er stellt einem orientalischen Motiv von Delacroix oder Adolf Schreyer die Fotografien von Francis Frith gegenüber, der in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf Glasplatten im riesigen, sogenannten Mammutformat die Tempelruinen Ägyptens aufgenommen hat. Heinrich Kühns Damenbildnisse im aufwendigen Edeldruckverfahren könnten der Malerei des Impressionismus und Jugendstils zur Seite stehen. Und die Architekturaufnahmen Walter Heges aus den dreißiger Jahren ergänzen Kunst der Zeit. Über Sichtachsen spannen sich manche dieser Dialoge auch in die Nachbarräume.

Dreißig bis vierzig Fotografien, rechnet Felix Krämer, werden mit der Neupräsentation in seiner Abteilung der Moderne zu sehen sein. Aber obwohl nach den Renovierungsarbeiten raffinierte Lichtsysteme in den Kabinetträumen den konservatorischen Bedingungen für Fotografie gerecht werden, sollen die Abzüge nur jeweils vier bis sechs Monate an den Wänden hängen. Das wird zu häufigen Wechseln führen, und es spricht für die Sammlung Wiegand, dass ihr Material nicht nur ausreicht, die Motive überzeugend auszutauschen, sondern dass sich damit von der Romantik und dem Realismus bis zum Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit immer wieder neue Zusammenhänge erschließen lassen. Nicht zuletzt wird dem Besucher des Städel, der dort Fotografien bislang nicht erwartet hat, auf diese Weise der Zugang zu einer neuen Kunst fast spielerisch eröffnet. Es war Zeit für die Revolution.

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